Zehn Monate sind vergangen, seit Soojin Han ihre Schwester begraben musste. Übrig geblieben sind nur noch sie und ihr stets abwesender Vater, der unlängst nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Als Soojin alles zu viel, zu still, zu einsam wird, bricht sie mit einem alten Milchzahn die wichtigste Regel der Frauen ihrer Familie: Bringe niemals etwas anderes als Kleintiere von den Toten zurück.
Gerade ihr einst bester Freund, Mark Moon, beobachtet sie dabei, wie sie einem ganzen Waldstück das Leben raubt und wie die feuchte Erde in einer Septembernacht ein Mädchen gebar
So sehr Mirae auch ihrem früheren Selbst gleicht, so anders ist sie jetzt. Etwas Dunkles haftet an der toten Schwester. Ein nie endender Hunger, Rastlosigkeit und Zorn ob all der Dinge, die ihr genommen wurden. Fortan breiten sich Schmerz und Wehmut im selben Maße aus, wie Jade Acre in Moder versinkt.
Während Soojin anfangs pures Glück verspürt, mischt sich langsam sachter Argwohn unter die Freude, Sorge, ein Hauch Schuld Denn in den späten Stunden, wenn niemand hinsieht, folgt Mirae dem Ruf des Wassers, gibt sich den Gaben ihres zweiten Daseins hin, dringt in die Menschen ein, um zu sehen und Rache zu nehmen.
And the River drags her Down ist ein Jugendfantasyroman, der sich mit Verlust, Tod und Trauer beschäftigt, zugleich aber auch die Frage in den Raum stellt, wie weit wir gehen würden, um die Menschen, die wir lieben, zurückzuholen.
Jihyun Yun lässt ihre Geschichte aus mehreren Blickwinkeln aufleben, sodass wir nicht nur Teil von den Gefühlen und Gedanken der Schwestern, die sich jede auf ihre Art verloren hat, sind, sondern auch von Mark und anderen Figuren, die vielleicht weitaus mehr an dem Schicksal dieser Familie beteiligt sind als irgendjemand ahnt. Wenn ich beim Lesen auch einen drückenden Nebelschleier vor Augen hatte, war der Stil zu keiner Zeit verstaubt oder altbacken, im Gegenteil. Gleich zu Beginn wurde ich davon überrascht, dass das mythisch angehauchte Geschehen im Heute spielt, dementsprechend klar und modern, der Ton eindringlich, gefühlvoll und bildreich war, ohne hochtrabend zu sein. Dass Yun kulturelle Aspekte samt Alltagsrassismus aufgreift, von Lobbyismus, dem Schwinden regionaler Geschäfte und dem Sterben von (Klein)Städten sowie von Bestechung/Amtskorruption spricht, gibt diesem Roman zudem eine gewisse Aktualität. Trotz der schwermütigen Nuancen, war die Story mit Aufregung und Schrecken besprenkelt, mit unverfälschten Emotionen, menschlichen Hoffnungen und Abgründen. Zerborstenen Träumen und zu früh begrabenen Zukünften.
Im Fokus bleiben durchweg Soojin, die trotz der Last ihres Geheimnisses endlich wieder lebt und lacht. Nicht mal die dunklen Male, die Zeichen ihrer Tat, können sie dazu bringen, die wiedererweckte Zweisamkeit zu bereuen. Und Mirae, namenlos, atmend, doch nicht wirklich da. Versucht die Jüngere alles, um den Alltag ihrer Schwester, der sich in monotonen Bahnen, im Verborgenen abspielt, normal und angenehm zu gestalten, entdeckt die Gestorbene ihre Verbindung zum tödlichen, überall um sie herum existierenden Nass. Das sie dorthin führt, wo auch immer sie sein will. Doch ihre Wut, ihr Sein, hin- und hergerissen zwischen Leben und Tod, nicht zugehörig, nicht bereit, zu gehen, wecken eine Seite in der einst so sanftmütigen Han, die sie unberechenbar tosen lässt. Ein Jahr, nachdem die Ältere sterben musste, nur Wochen, nachdem sie zum zweiten Mal das Licht der Welt erblickt hatte, überschlagen sich die Ereignisse für Soon und für »Unnie«
Um das enge Kleinstadtsetting schmiegt sich eine dichte, bedrückende, von Wehmut und etwas Verbotenem angereicherte Atmosphäre, die den mythischen Touch, der vor allem von der nekromantischen Gabe und den unscharfen, gefährlich wogenden Konsequenzen ausgeht, gekonnt zur Geltung bringt. Die Handlung ist durchtränkt von Verzweiflung und Einsamkeit, von Nostalgie und bedingungsloser Liebe. Von fragwürdigen Entscheidungen und dem Drängen, endlich loszulassen, von dem Wunsch nach Wahrheit und Vergeltung. Dass wir immer wieder aus dem Jetzt gerissen werden, um in Erinnerungen einzutauchen, in die Vergangenheit, lässt den Schmerz des Verlustes nur stärker pulsieren. In diesen Sequenzen werden wir uns auch erst subtil, dann deutlich gewahr, welche Rolle Mirae nach dem Tod ihrer Mutter unfreiwillig begleiten musste, welche nie gewollte und nur schwer tragbare Bürde auf ihren kindlichen Schultern lag.
Wenn ich auch nicht von einer Auflockerung sprechen möchte, sind es eine Handvoll wärmender Momente, Zärtlichkeit, die Freundschaft zu Moon und kribbelnde Gefühle, die eben diesen Eindruck erwecken. Doch es sind Soojin und Mirae, ihre sich verändernde Dynamik der Wandel von Erleichterung zu Entsetzen, die sich verschiebende Entschlossenheit, die Tragik und Angst und ihre persönliche Entwicklung, die tiefgreifenden Einblicke in ihr Innerstes, die den Plot tragen. Hervorragend eingebunden waren die erstarkende Präsenz des Vaters und die zahlreichen Spannungshöhen, die Unausweichlichkeit des Ganzen samt der nagenden Bedrohung. Immer wieder gibt es bewegende Aussagen, berührende Augenblicke, Überraschungen und unheimliche Momente, die an The Ring denken lassen.
Die letzten Kapitel gleichen grauenvoller Endgültigkeit, einem leisen Aufseufzen, und erinnern uns daran, dass Loslassen weder die rhythmische Sehnsucht schmälert noch das Andenken beschmutzt. Dass wir weitergehen dürfen und müssen und dennoch nicht vergessen.