Winona und Lucille haben beide genug von ihren Familien und ihrem bisherigen Leben. Winona wird zu Hause von ihrem Vater kontrolliert und misshandelt, während Lucille mit ihrer überforderten Mutter und ihrem drogendealenden Bruder klarkommen muss. Als sich die beiden nachts vor einer Polizeiwache treffen, beschließen sie, nicht länger auf eine Veränderung zu warten. Sie nehmen Geld, ein gestohlenes Cabrio und jede Menge Wut mit und machen sich auf den Weg. Ihr Ziel: raus aus ihrem bisherigen Leben und hinein in etwas, das sich vielleicht nach Freiheit anfühlt.
Die Ausgangsidee hat mir gefallen. Zwei Freundinnen, die gemeinsam abhauen, dabei ziemlich fragwürdige Entscheidungen treffen und versuchen, sich irgendwie ein neues Leben aufzubauen, bietet eigentlich einiges. Dazu kommen ernste Themen wie häusliche Gewalt, Vernachlässigung und die schwierigen Verhältnisse, aus denen beide stammen. Mit den beiden Protagonistinnen bin ich allerdings nicht gleichermaßen warm geworden. Ihre Freundschaft ist ohne Frage der Mittelpunkt der Geschichte und hat auch einige schöne Momente, trotzdem blieben mir beide Figuren teilweise erstaunlich fern. Gerade bei den schweren Erlebnissen hätte ich mir mehr Einblick in ihre Gedanken und Gefühle gewünscht, statt manche Entwicklungen relativ schnell abzuhaken. Auch der Ton war für mich nicht immer ganz stimmig. Auf der einen Seite geht es um wirklich harte Themen, auf der anderen Seite entwickelt sich die Geschichte stellenweise zu einem eher lockeren Roadtrip mit allerlei Chaos. Das kann funktionieren, hier hatte ich aber öfter das Gefühl, dass beides nicht ganz zusammenfinden wollte. Manche humorvollen Momente haben mir gefallen, andere wirkten auf mich eher aufgesetzt.
Dabei liest sich die Geschichte grundsätzlich schnell. Die kurzen Kapitel und das stetige Vorankommen sorgen dafür, dass man gut durch die Seiten kommt. Ich wollte durchaus wissen, wie die Reise weitergeht und was die beiden als Nächstes anstellen. Gleichzeitig fehlte mir mit der Zeit etwas die Tiefe, die der Geschichte aufgrund ihrer Ausgangslage eigentlich möglich gewesen wäre. Besonders gegen Ende hatte ich den Eindruck, dass vieles sehr schnell gehen musste. Einige Entwicklungen hätten für mich mehr Raum gebraucht, während andere Fragen relativ unkompliziert abgehandelt werden. Dadurch blieb bei mir am Ende eher das Gefühl zurück, dass aus der Grundidee noch deutlich mehr hätte entstehen können.
Trotzdem gab es immer wieder Szenen, die funktioniert haben. Vor allem die Dynamik zwischen den beiden und dieser etwas kopflose Versuch, sich gemeinsam aus ihren bisherigen Leben zu befreien, haben ihren eigenen Charme. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, Wut und den Wunsch, endlich selbst bestimmen zu können, auch wenn der Weg dorthin alles andere als vernünftig ist.
Für mich war es damit eine Geschichte mit interessanter Idee und einigen guten Momenten, die mich aber weder emotional noch in der Umsetzung durchgehend erreicht hat. Ich habe den Roadtrip durchaus gern begleitet, hätte mir aber an mehreren Stellen mehr Tiefe, etwas mehr Konsequenz und vor allem ein runderes Ende gewünscht.