Man merkt diesem Buch in jeder Zeile an, dass Ocean Vuong eigentlich Primärlyriker ist (ja ich weiß, eigentlich ist eigentlich kein Wort). Für mich fühlt sich "Auf Erden sind wir kurz grandios" nicht wie ein klassischer Roman an, sondern wie ein poetischer Ganzkörpereinsatz. Ja eine seismografische Metaphorik von Identität und Schmerz. Schon der Titel deutet diese Ambivalenz an. Da ist diese enorme Wucht, diese Schönheit, aber eben auch die absolute Vergänglichkeit. Vuong beschreibt Schmerz nicht nur, seine Sprache tastet ihn ab und spürt ihm körperlich nach. Wir bekommen Themen zugemutet wie Gewalt, Sexualität, Rassismus und das vererbte Trauma des Krieges. Das geht wahnsinnig unter die Haut, da die Essenz des Alltäglichen mit einer Beiläufigkeit einhergeht, dass es die gleiche Wucht hat wie das ungebremste Laufen vor eine verschlossene Tür. Und genau das ist der springende Punkt. Für mich beschreibe ich es als Zumutung, für andere bitterer Alltag. Das schmerzt.Es tut sehr weh, das zu lesen. Zeitgleich war aber genau dieser ungeschönte Umgang unglaublich erfrischend. Es ist eine Erfahrung, von der ich mir viel mehr in Büchern wünschen würde.Die ersten zwei Drittel des Buches haben sich für mich relativ gut lesen lassen. Es war zwar auch hier schon manchmal schwierig, den einzelnen Lebenssträngen zu folgen, da seine Gedanken einfach sehr sprunghaft sind. Aber man lässt sich auf diese fragmentartigen Splitter ein. Das letzte Drittel war dann allerdings schwer. Wirklich wahnsinnig schwer. Besonders der lyrische Absatz hat sich für mein Empfinden kaum noch in das Buch integriert. Die Sprünge wurden am Ende einfach zu groß, und das hat dem Ganzen leider einen echten Abbruch getan.Und doch: gerade im Angesicht des Todes spürt man, wie sich die Fäden dieses noch relativ jungen Lebens aus all den anderen Leben und Generationen vor ihm zusammenfügen. Die Dynamik mit der dies zum Ende des Buches geschieht hat eine ganz eigene, berührende Poesie. Am Ende bleibt ein zutiefst ambivalentes Leseerlebnis. Ein Buch von brutaler Schönheit, das mich emotional tief bewegt, aber formal im letzten Drittel auch ein Stück weit verloren hat.