Berliner Schnauze in Bestform! Renate Bergmann kandidiert für den Gemeinderat und ich habe Tränen gelacht.
Eine 82-jährige Berlinerin, die im brandenburgischen Spreeweide für den Gemeinderat kandidiert, weil sie den Bürgermeister beim ersten Treffen so anpflaumt, dass der ihr genau das nahelegt. Renate Bergmann mischt in Band 21 der Online-Omi-Reihe wieder kräftig mit, und ihre Berliner Schnauze ist einfach unwiderstehlich.Zum Inhalt: Stefan braucht in Spreeweide Unterstützung mit den Kindern, weil Ariane zu ihrer kranken Mutter nach Leipzig muss. Da lässt sich Renate nicht zweimal bitten, schnappt sich den Koyota und macht sich auf den Weg. Kaum angekommen, gerät sie mit Bürgermeister Brummer aneinander, und bevor sie sich versieht, hängt ihr Wahlplakat an jeder Dorflaterne. Ohne Raute zwar, aber mit schickem Blazer, denn das Auge wählt schließlich mit. Zwischen Kita-Karussell-Eröffnung und Balkonwettbewerb entfaltet sich eine herrlich augenzwinkernde Kommunalpolitik-Story, in der Renate zeigt, wo den Leuten der Schuh drückt.Das absolute Herzstück des Buches ist für mich Renates Berliner Schnauze. Torsten Rohde, der Mann hinter dem Pseudonym, arbeitet die Mundart so organisch in den Text ein, dass sie nie aufgesetzt wirkt. "Se, ick sag Ihnen!", "Köppe" statt "Köpfe", "Fäßbock" statt Facebook. Das ist liebevoll beobachtete Dialektarbeit, kein Klamauk. Renate ist eben nicht das Berliner Klischee, sondern eine authentische Stimme einer Generation und einer Region. Genauso überzeugend ist der Erzählstil: scheinbar abschweifend, tatsächlich aber sehr kunstvoll. Renate beginnt eine Geschichte, schweift ab, kommt auf etwas ganz anderes, findet elegant zurück. Das fühlt sich an, als säße man mit ihr am Kaffeetisch, und die kurzen Kapitel machen das Buch häppchenweise lesbar.Was den Band besonders reizvoll macht, ist das politische Thema. In einer Zeit, in der politische Verdrossenheit grassiert, zeigt Rohde, wie lokale Politik wirklich aussieht: Balkonwettbewerbe, Eitelkeiten, kleine Skandale, große Egos auf Mini-Ebene. Er belehrt dabei nie, sondern nimmt das Geschehen augenzwinkernd ernst und macht daraus eine kleine Liebeserklärung an Bürgerengagement und lokale Demokratie. Dazu kommt das Wiedersehen mit Gertrud, Horst, Ilse und dem Koyota. Fans freuen sich über liebgewonnene Figuren, aber alle 20 vorherigen Bände muss man wirklich nicht kennen, um einzusteigen.Was ich an Renate besonders schätze, ist ihre Rolle als Senior:innen-Heldin. Mit 82 Jahren kandidiert sie, hat Meinungen, Pläne, Energie, sprengt jedes "alt gleich passiv"-Klischee. Diese Botschaft ist mehr als Humor, sie ist gesellschaftlich wertvoll und macht das Buch zu mehr als nur Comedy. Es ist gleichzeitig ein grandioses Geschenkbuch: universell witzig, ohne Vorwissen zugänglich, für Mutter, Schwiegermutter, beste Freundin oder Oma.Ein Buch zum Tränenlachen, das ich definitiv weiterverschenken werde. Deutsche Comedy-Kultur in Reinform.