Eine hochvergnügliche Skizze über einen denkwürdigen Sommer am See.
Im Sommer 1918 verbringt Thomas Mann mit seiner Familie die Sommerfrische am Tegernsee, in der vorübergehend unbenutzten Villa eines Malers. Kerstin Holzer zeigt uns in "Thomas Mann macht Ferien" den Künstler, die Familie, die Zeitläufte und die Landschaft.Thomas Mann korrigiert in diesem Sommer die Druckfahnen für die "Betrachtungen eines Unpolitischen", an denen er sich seit drei Jahren müht und mit denen er Deutschlands Rolle im Krieg verteidigen will und vor allem seinem Bruder Heinrich für dessen franzosenfreundlichen Aufsatz über Emile Zola eins überbraten. Das Problem dabei: Der Kriegsverlauf hat das Buch schon vor seiner Drucklegung schlecht altern lassen, und auch Thomas Mann selbst steht längst nicht mehr mit dem Eifer von 1914 hinter seinen Positionen. Abwechslung findet er im Verfassen des heiter-unbeschwerten Büchleins "Herr und Hund", das er seinem Bauschan widmet.Gattin Katja managt ebenso selbstlos wie selbstbewusst den Laden, sie organisiert Essen und ihre schwerreichen Eltern kommen für eine Woche zu Besuch an den See. Am Ende des Sommers wird sie bei der Rückkehr nach München feststellen, dass sie ein sechstes (und letztes) Mal schwanger ist.Fünf Kinder haben die Manns. Erika, die Älteste, ist zupackend, praktisch und kreativ. Klaus ist zwölf, künstlerisch und schwierig. Der kleine Golo muss den Großen bei ihren Theaterinszenierungen helfen und wird zum Dank als vermeintlich hässlich verspottet. Monika träumt vor allem. Nur ein paar Wochen alt ist das Baby Elisabeth. In ihr erlebt Thomas Mann in diesen Wochen intensiver und unmittelbarer als zuvor das Vatersein, und er wird im kommenden Herbst über sie den "Gesang vom Kindchen" schreiben.Die Natur am malerischen Tegernsee lockt schon zu diesen Zeiten zahlungskräftige Urlauber an, und auch Prominenz hat sich niedergelassen: Ganghofer, Thoma und der dickleibige Tenor Leo Slezak, der groteskerweise zum Abnehmen am See ist, während rundum kriegsbedingter und dramatischer Nahrungsmangel herrscht - selbst bei wohlhabenden Leuten wie den Manns.Denn der Krieg dauert schon vier Jahre. An der Front steht es nicht gut um Deutschland, erst recht nicht, seit die Amerikaner mit vielen tausend Soldaten und neuartigen Panzern den Alliierten zur Seite gekommen sind. Und dann bricht dem Meister auch noch der Schneidezahn ab!Kerstin Holzer schildert das alles höchst lebendig und unterhaltsam. Sie mischt szenische Beschreibung mit Fakten und Gedanken, die sie aus Tagebüchern, Briefen und anderen authentischen Quellen zieht. Erfundene Dialoge gibt es keine, es ist ziemlich ähnlich gemacht wie bei Florian Illies' "1913" - ich weiß gar nicht, wie ich die Genre-Schublade beschriften soll: Historische Skizze? Miniatur?Jedenfalls ist das Motiv geschickt gewählt, und die Autorin bringt Zeitläufte, den Ortszauber, den Künstler und seine große, komplizierte Familie in ihren Beziehungen und Charakteren sowie das literarische Werk elegant und leicht zusammen. Das liest sich wunderbar und macht einfach Freude.Denn Kerstin Holzer erliegt nicht der Krankheit so vieler, die sich mit dem "Zauberer" beschäftigen: Sie rutscht nicht in den Stil des Meisters (wie es etwa dem Mann-Biografen Klaus Harpprecht geschieht), sondern sie behält ihren eigenen schlichten, kraftvollen, süddeutschen Duktus - und das tut gut! Und sie zeigt, bei allem Respekt vor den Werken, keine ehrfurchtsvolle Lähmung, im Gegenteil: Mit freundlichem Spott bekommt der Olympier immer wieder eins in die Seite, wenn er sich allzu selbstverliebt und wichtig gibt.Ich muss gestehen, vermutlich bin ich die ideale Zielgruppe für dieses Büchlein: Ich mag diese historischen Schlaglichter, ich mochte schon Stefan Zweigs "Sternstunden", ich fand "1913" großartig. Dazu kenne und schätze ich das meiste, was die Manns geschrieben haben, ohne ein allzu profunder Experte zu sein. Wer so gar nichts von Thomas, Heinrich, Klaus, Erika, Golo gelesen hat - werden dem die Figuren überhaupt interessant? Ich kann es nicht sagen, umgekehrt vermute ich aber, dass jemand, der auch in den Briefen und Tagebüchern zu Hause ist, nicht viel Neues aus diesem Büchlein erfahren wird. Ob es trotzdem für eine erfreuliche Lektüre reicht? Auch das weiß ich nicht, für mich jedenfalls hat's ganz wunderbar gepasst.