Julia wurde als Politikjournalistin abgesetzt, nachdem sie durch eine Aufdeckung eine Ministerin zum Rücktritt zwang. Dass sie dem Politikzirkus näher bleibt, als ihr lieb ist, verdankt sie ihrem Partner Alfred, der unerwartet zum Pressesprecher des Ministerpräsidenten berufen wird. Doch Julia kann es nicht lassen und jagt nach einem brisanten Hinweis der Aufdeckung eines Politikskandals hinterher, der die gesamte Regierung zum Platzen bringen könnte. Und auch Alfred erkennt, dass die Politikwelt nicht nur mit lauteren Mitteln arbeitet. Es beginnt eine rasante Spurensuchen nach Wahrheiten, die das Leben ihrer gesamten Familie bedrohen.
Die Stockholm-Protokolle der beiden Autoren Moa Berglöf und Joakim Zander zeichnen ein erschreckend realistisches Bild der Politikwelt, welche gezeichnet ist von aufstrebenden und egozentrierten Persönlichkeiten, die durch ihr scheinbares Charisma von ihren eigentlichen Zielen ablenken: dem absoluten Machtstreben. Nicht überraschend sind diese männlich. Im ersten Drittel des Romans erfolgt eine Einführung der verschiedenen Figuren, die in Anbetracht der aktuellen Weltlage und ob der erschreckenden Nachvollziehbarkeit für mich nicht immer leicht verkraftbar waren. Außerdem habe ich diesen Teil stellenweise auch als langatmig empfunden. Im zweiten Drittel nimmt die Geschichte dann Fahrt auf und mir fiel es zunehmend schwerer, das Buch wegzulegen. Immer mehr schmutzige Details und Vermutungen kommen zutage. Im dritten Drittel wird es dann echt rasant und spannend, die Ereignisse überschlagen sich, ich war gefesselt und habe mich zunehmend gefragt, wie diese Geschichte in den immer weniger werdenden Seiten noch aufgelöst werden kann. Die Ernüchterung erfolgte am Ende: es gibt sie nicht, die Auflösung. Alles endet mit einem Cliffhanger, der uns die Fortsetzung des Buches ankündigt. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, trotzdem war ich enttäuscht, als die immer steiler werdende Spannungskurve wirklich senkrecht abfiel. Ein rundes Ende, das durchaus mit einem offenen und fortsetzungsverdächtigen Schlussakkord daherkommt - dagegen ist nichts einzuwenden. Trotzdem ist das für mich bei den "Stockholm-Protokollen" alles andere als rund. Es liest sich, als wäre die Geschichte komplett abrupt mitten unter der Erzählung abgebrochen worden sein. Und ohne Recherche war es für mich nicht klar und verständlich, dass es eine Fortsetzung geben wird. Das Ende hinterlässt mich frustriert ob der jähen Unterbrechung und diese Frustration überwiegt beinahe den Willen und die Lust, die Fortsetzung lesen zu wollen.
Was positiv hervorgehoben werden kann, ist, dass die Geschichte und die meisten Charaktere tatsächlich sehr realistisch anmuten. Politik ist kein Kinderspiel, es geht um Macht, Einfluss und die Hervorhebung der einzelnen Interessen. Auch die beiden Protagonist*innen Julia und Alfred sind glaubwürdig gezeichnet und die Dynamik zwischen der erfahrenen Politikjournalistin und dem naiven Newbie in der Politik ist authentisch und nachvollziehbar herausgearbeitet. Ab dem zweiten Drittel jedoch habe ich über einige sehr naive und unerfahren Wirkende Aktionen der Handelnden gestaunt, die dadurch etwas an ihrer Glaubwürdigkeit einbüßen. Teilweise sind sie so hanebüchen, dass ich mich gewundert habe, weshalb dies dem Lektorat nicht aufgefallen ist.
Trotz aller Kritikpunkte: ich habe das Buch, je weiter es fortgeschritten ist, wirklich gern gelesen. Die Art wie Skandinavier*innen Krimis und Thriller schreiben, beeindruckt mich ob der Realitätsnähe immer wieder. Und ich muss definitiv wissen, wie es mit Julia, Alfred und der aufgedeckten, dreckigen aber vertuschten Skandale weitergeht.