Eher Raskolnikow als Faust.
Ein starkes Leseerlebnis! Wie jemand schon geschrieben hat: Trotz der Längen kann man das Buch nicht weglegen. Für mich trug Kristian Züge Raskonlikows: das Gefühl des Auserwähltseins und die daraus abgeleitete Erlaubnis, rücksichtslos und selbstbezogen agieren zu dürfen. Auch sein Umgang mit der eigenen Schuld: Raskolnikow!Oft wird zu dem Buch kommentiert, dass hier das Faustische, der Faustische Pakt, neu erzählt wird. Dem kann ich nicht ganz folgen. Ja, es wird eine Person beschrieben, die getrieben, besessen ist, sich zu Höherem berufen fühlt. Und in dem Sinne, dass er für die Erreichung seiner Ziele bereit ist, "teuflische" Mittel anzuwenden, ist es auch eine Art Pakt mit dem Teufel. Aber mir fehlt der dialektische Gegenspieler (Mephisto in Goethes Faust). Hans? Nicht wirklich. Diese Person bleibt unklar. Auf den letzten Seiten wird vollends klar, was man vorher schon geahnt hat, nämlich, dass sie metaphysisch angelegt war. Aber wo sind die verführerischen, nihilistischen, antagonistischen Gedanken? Vielleicht der eine: Die Hölle ist, was uns umgibt (ich glaube, das wird von Hans geäußert.). Ok, in diesem Sinne: ja, ein teuflischer Pakt. Stärken:- Starke Charakterisierung dessen, was es heißt, Künstler zu sein. Ich sehe Kristian - anders als viele Leser:innen - nicht nur als unsympathischen Egomanen. Immerhin ist er genuin getrieben, hat eine Künstlerseele, reflektiert. Ja, er ist auf Wirkung aus, aber nicht nur. Und wer ist das nicht: auf Wirkung aus? Und insofern kann man sich selbst befragen, wie sehr man selbst ein Kristian ist.- Einige Szenen entwickeln eine starke Dynamik. Das letzte Kapitel - Leo - baut eine unglaubliche Spannung auf. Gefahr schwebt über allem. Was dann passiert, wird emotional sehr berührend beschrieben.- Interessante, vielschichtige Reflexionen über Fotografie, Kunst, Literatur, etwas Musik und das Dasein als Künstler. Teilweise auch anregende philosophische Betrachtungen. Die sind aber nicht sonderlich tief (Was ist Zeit; Leben und Sterben...).Schwächen:- Der Zeitsprung und der vollständige Austausch der Personen - bis auf Kristian - war, als lese man ein neues Buch. Besser wäre aus meiner Sicht gewesen, es in der einen Zeit zu belassen und somit mit kompakterer Dramaturgie zu erzählen oder chronologisch stetig fortzuführen, oder aber wenigstens Personen des ersten Zeitintervalls weiterleben zu lassen. - Dass Kristian sein Geheimnis, das ihn traumatisiert hat, so einfach preisgeben würde, auch wenn das Jahre später passiert, ist nicht einsichtig. Man könnte es so lesen, als ob er seiner Sache vollends sicher ist und somit das Gefühl für die Schwere der Geschichte verliert. Aber trotzdem: nicht nachvollziehbar. - Der Absturz erscheint letztlich doch eher als Folge einer Kette zufälliger, ungünstiger, singulärer Ereignisse (dummerweise preisgegebenes Geheimnis, Schicksalsschlag). Ja, man kann das, wenn man möchte, auf die charakterlichen Besonderheiten Kristians zurückführen, aber er (der Absturz) war nicht wirklich zwingend und eine systematische Abwärtsspirale.- Der Auslöser für den völligen Bruch mit der Familie erscheint mir als zu klein.- Es gibt durchaus Längen und überbordende Detailbeschreibungen. Aber weil es sich sehr flüssig las und selbst diese Stellen gut geschrieben (und wohl auch gut übersetzt) waren, störte das nicht zu sehr.- Der Titel erschließt sich mir nicht. Ja, es gibt diese Verbindung gleichen oder ähnlichen Namens, in der wohl Marlowe Mitglied war, aber sonst war dieser Titel unmotiviert.- Einiges war nicht stimmig oder blieb unbefriedigend ungeklärt. Wer bewirkte die Freilassung (Hans? Vermutlich). In den letzten Szenen spielt das unerwartete Auftauchen Sonjas eine entscheidende Rolle. Aber so plötzlich, wie sie aufgetaucht war, war sie dann auch wieder weg. Da wurde sie wohl dramaturgisch einfach nicht mehr gebraucht....