Mit ihrem Roman Villa Seestern Strandrosenzeit überrascht Constanze Wilken ihre Leser. Ein Roman, der auf Amrum im Frühling spielt und sehr facettenreich die Schönheiten der Insel darstellt, wird mit einer Begebenheit vernetzt, wie sie in den Kriegsjahren zu den Dunkelstunden unserer Geschichte zählte.
Die Weite der Natur, das Rauschen der Wellen, in der Luft eine frische Prise, die nach Salz und dem Meer duftet, sowie lange Sandstrände und ein Wind, der durch die Dünen fegt mit diesen Beschreibungen gelingt es der Autorin, ihre Leserschaft auf die Insel Amrum zu transportieren. In der Ruhe vor dem Ansturm der Hauptsaison geschehen jedoch Dinge, die für alles andere als ruhige Zeiten bei unserer Hauptprotagonistin Petra sorgen. Ihre Freundin Eva, die nebenan mit ihrer Familie lebt, hat ihr das Scheunencafé übergeben, welches Petra mit viel Liebe, Mühe und Kreativität zu einem besonderen Ort werden lässt. Als sie dann noch dem charmanten Tischler Timo näherkommt, scheint alles perfekt. Doch die Idylle trügt, denn ihre Vergangenheit scheint sie einzuholen.
Zu Anfang der Geschichte fühlte ich mich von der Anzahl der Protagonisten, ihren Namen und den Rollen leicht überfordert. Obwohl auf der letzten Seite im Buch einige Charaktere aufgelistet sind, fällt es schwer für jemanden, der den 1. Band dieser Reihe nicht gelesen hat, jeden auf Anhieb richtig einzuordnen. Im Laufe des Buches wird die Rollenverteilung klarer und wir lernen die liebenswerten Dorfbewohner mit ihren Ecken und Kanten kennen.
Ein weiterer Handlungsstrang führt Nina, die Tochter von Eva, auf Spurensuche. Nachdem auf dem Dachboden der Villa Seestern alte Briefe aus Kriegszeiten aufgetaucht sind und Nina ein Projekt für die Schule erledigen soll, begibt sie sich auf Spurensuche. Dabei erfährt sie zunächst von Dorfbewohnern einzelne Details über jüdische Kinder, die seinerzeit auf der Insel versteckt wurden, und über ihre Chancen zu überleben. Auch führen ihre Wege über Niebüll und Berlin, bis sich ein Gesamtbild ergibt. Dieser Strang ist für alle, die sich für historische Romane interessieren, besonders wertvoll. So wird aus einer lockeren und leichten Liebesgeschichte, die auch ihre Fallen birgt, gleichzeitig eine Mahnung an die heutige Generation, dass es nie wieder so werden darf, wie es vor fast 100 Jahren einmal war.
Constanze Wilken gelingt es bravourös, in beiden Haupthandlungen stets den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Es gibt Wendungen, Irritationen und persönliche Wandlungen, sodass ich als Leserin nach der Einstiegsphase ins Buch die Story nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Ihre Erzählweise folgt ganz einem zeitgenössischen Unterhaltungsroman mit historischen Geheimnissen, der nicht von den Personen selbst, sondern von der Autorin erzählt wird. Besonders nah ist sie an Petra dran, sodass wir nicht nur erfahren, was Petra macht, sondern auch in ihre Gedankenwelt eintauchen können, ihre Ängste erfahren und uns vorstellen können, wie tief die Verbundenheit zu ihrem Bruder Dennis ist, den sie völlig aus den Augen verloren hat. Die Haupthandlung ist in der Jetztzeit angeordnet und es gibt immer wieder historische Rückblicke ich fühlte mich, als wäre ich selbst auf Spurensuche in der Vergangenheit.
Der Schreibstil von Constanze Wilken ist sehr bildhaft und es gelingt ihr, ihre Leserschaft durch die Beschreibungen der besonderen Atmosphäre mitzunehmen sowohl im Äußeren bei Strandspaziergängen oder nachts auf dem Balkon als auch im Inneren bei der Beschreibung der Einrichtungen, insbesondere im Café , sodass wir gemeinsam mit den Protagonisten auf Amrum sind. Auch beschreibt sie die Gefühle von Petra in sehr metaphorischer Weise, wenn sie schreibt, dass sie ihre Gefühle wie unter einem Schutzpanzer versteckt. Besonders gefällt es mir, dass sie norddeutsche Begriffe wie den Gruß Moin, der zu jeder Tageszeit genutzt wird, oder auch das Wattenmeer und Racker mit eingebaut hat, was der Geschichte eine Authentizität verleiht.
Nebenbei wird auch die LGBTQIA+-Leserschaft bedient, wobei dies nur ein Randthema bleibt. Ich habe mich gefragt, ob es mehr Sinn gemacht hätte, das fast 400 Seiten starke Buch noch etwas zu erweitern, um dem Thema gerecht zu werden, oder das Thema in einem Folgeroman noch einmal aufzugreifen. Mein Eindruck war zunächst, dass das Buch von Themen überladen werden könnte auch hinsichtlich der vielen Protagonisten , wobei die Autorin doch noch den Dreh herausbekommen hat, sodass die Story am Ende rund ist.
Mein Fazit: Ein interessantes Buch aufgrund der Themen und der Spannung, aber auch ein wenig anders als viele andere Bücher, die sonst meistens zur Hauptsaison spielen. Es ist toll, etwas zu lesen, was weniger auf Tourismus ausgelegt ist, sondern die Bewohner der Insel in den Fokus rückt!