"How to Lose a Lord in Ten Days" hat mich auf eine angenehm leichte, aber dennoch vielschichtige Reise durch die Regency-Zeit mitgenommen. Erst nach dem Lesen habe ich erfahren, dass es Band 3 der "A Ladys Guide"-Reihe ist. Normalerweise stört mich so etwas, doch hier war es völlig egal: Die Handlung ist in sich abgeschlossen, und man kann das Buch problemlos genießen, ohne die vorherigen Bände zu kennen.
Sophie Irwin fängt die Regency-Atmosphäre sehr überzeugend ein. Die gesellschaftlichen Strukturen und Hierarchien sind klar spürbar - besonders die Tatsache, dass Frauen kaum eine Wahl haben, wenn es um die Suche nach einem Ehemann geht. Ausbildung, Auftreten, Aussehen: Alles ist darauf ausgerichtet, eine möglichst gute Partie zu machen. Liebe spielt keine Rolle, und einen Antrag abzulehnen ist unmöglich, wenn der Gentleman gesellschaftlich über der eigenen Familie steht. Genau das trifft Miss Lydia Hanworth, eine Kaufmannstochter, die den Antrag des reichen Lord Ashford - Spross eines Dukes - annehmen muss, obwohl sie ihn absolut nicht ausstehen kann.
Die gesamte Geschichte baut darauf auf, dass Lydia diesen Mann loswerden will. Und zwar in zehn Tagen. Was ich besonders erfrischend fand: Sie zieht diesen Plan konsequent durch. Oft werfen Protagonisten solche Vorhaben nach wenigen Kapiteln über den Haufen und verlieben sich Hals über Kopf. Hier nicht. Die Autorin bleibt ihrem roten Faden treu und schneidet ihn nicht bei der Hälfte ab - das hat mir ausgesprochen gut gefallen.
Lydia selbst ist eine wunderbar eigenwillige Figur. Sie hält wenig von den Konventionen ihrer Zeit, liest gerne, macht sich nichts aus Ehemännern und feinen Manieren und möchte vor allem Freiheit. Bei der Hausparty wirft sie ihren Stolz über Bord und präsentiert sich absichtlich als Dummchen mit schrecklichem Geschmack - was zu einigen wirklich lustigen Szenen führt. Gleichzeitig ist sie keine perfekte Cinderella: Fremdsprachen liegen ihr nicht, sie ist stolz, stur und hört oft nur halbe Gespräche, aus denen sie sich eigene Geschichten zusammenreimt. Im Grunde macht sie also genau das, was sie an Lord Ashford kritisiert - voreilige Schlüsse ziehen. Normalerweise mag ich den Missverständnis-Trope gar nicht, aber hier hat er gepasst, weil kein künstliches Liebesdrama entsteht. Stattdessen entstehen komödiantische Momente, die gut zur Geschichte passen.
Manchmal driftet der Humor allerdings etwas ins Lächerliche ab. Ein Beispiel: Lord Ashford klettert an der Hausmauer herunter, bleibt in den Blumen hängen, weil unten Leute auf der Terrasse stehen. Ich denke doch, dass man bemerken würde, wenn ein erwachsener Mann sich krampfhaft an einem Rankgitter festhält und versucht, sich zu verstecken. Auch manche Streiche wirkten etwas zu kindisch - und genau deshalb gibt es von mir einen Stern Abzug.
Lord Ashfords Charakter bleibt lange ein Geheimnis. Sein arrogantes, gefühlskaltes Auftreten und die ständigen Schnupftabak-Momente haben mich anfangs eher genervt, besonders in Situationen, in denen eigentlich eine emotionale Reaktion kommen sollte. Seine Vergangenheit ist tragisch und erklärt vieles, und gleichzeitig merkt man, dass er deshalb Vorurteile gegenüber Frauen hat. Doch ebenso spürt man seine Fürsorge - etwa gegenüber seiner Cousine Lady Phoebe. Die Nebencharaktere sind vielfältig, teils unsympathisch, teils herrlich lustig, und die Geschichte mischt Komödie mit Krimi-Elementen und kleinen dramatischen Wendungen. Zu viel kann man an dieser Stelle nicht verraten, ohne die Handlung zu spoilern - aber die verschiedenen Stränge fügen sich am Ende stimmig zusammen
Das Ende hat mir richtig gut gefallen, weil es nicht das klassische Happily Ever After ist, das man aus solchen Romanen kennt. Stattdessen bleibt es bewusst offener gestaltet und lässt Raum für eigene Gedanken, was für diese Geschichte erstaunlich gut funktioniert.
Fazit: Ein unterhaltsamer Regency-Roman mit klarer Linie, starken Figuren und einer gelungenen Mischung aus Humor, Gesellschaftskritik und leichten KrimiElementen. Manche Streiche waren mir zu albern, doch insgesamt ein charmantes Leseerlebnis.