Jenseits der blauen Grenze von Dorit Linke erzählt die Geschichte der drei Jugendlichen Hanna, Andreas und Jens (Sachsen-Jensi). In der DDR können die Siebzehnjährigen von Freiheit und einem selbstbestimmten Leben nur Träumen, während ihr Alltag von staatlicher Lenkung und Willkür geprügt ist. Der talentierten Leistungsschwimmerin Hanna bereitet ihre SED-kritische Haltung Probleme, auch Andreas rebelliert gegen das sozialistische System, landet sogar in einer Besserungsanstalt, genannt Jugendwerkhof. Nachdem Jens ungewollt mit seinen Eltern nach Westdeutschland ausreist, plant Andreas seine Flucht, sieht er doch hier keine Zukunft: Über die Ostsee will er in den Westen fliehen. Hanna schließt sich ihm an. Gemeinsam gehen sie im August 1989 in einer Nacht das Risiko ein: Fünfzig Kilometer Wasser in der kalten, dunklen Ostsee müssen sie überwinden; ausgerüstet mit Neoprenanzügen, Flossen und Schnorcheln.
Ich atme durch den Schnorchel, damit der Kopf unter Wasser bleiben kann, ich ihn nicht drehen muss. Jede Bewegung kostet Energie.
Nach wenigen Metern merke ich, was ich schon lange weiß. Es ist alles ganz anders als im Schwimmbad. Ulrich ist nicht hier, keiner gibt Anweisungen. Wir sind auf uns allein gestellt.
Ich höre nur das Glucksen der Wellen, die sich an meinem Körper brechen. Aus der dunklen Tiefe steigen Blasen auf.
Leise schwimmen wir hinaus auf die Ostsee, nach Norden.
Um sich in der Dunkelheit nicht zu verlieren, sind sie mit einer Schnur miteinander verbunden. Doch die Kälte, die hohen Wellen und die permanente Angst vor Entdeckung zehren an ihnen. Als sie eigentlich schon in neutralen Gewässern sind, schwinden bei Andreas die Kräfte.
Ich fühle mich schlecht. Schuldig.
Wir hätten bleiben sollen. Er schafft es nicht.
Schwimmen, nur schwimmen. Die Tonne ist Vergangenheit.
Die Schiffe am Horizont sind unser Ziel.
Die Schnur zwischen uns spannt sich kaum, wir schwimmen gleichmäßig nebeneinander, als hätten wir nie etwas anderes getan.
Weiter, immer weiter, immer geradeaus.
Ein Brennen zieht durch meinen Körper. Er ist eiskalt.
Wir reden nicht. Gibt nichts zu reden, kostet außerdem Energie.
Habe das Gefühl für die Zeit verloren. Die Sonne steht hoch am Himmel, vermutlich später Vormittag.
Wellenberg, Wellental, Wellenberg, Wellental.
Das Wasser ist trübe, die Ostsee eine Wüste, trostlos und öde.
Kein Leben, nicht einmal mehr Quallen.
Schiffe am Horizont, doch sie kommen nicht näher.
Am Ende kann nur Hanna gerettet werden, in letzter Sekunde, während für Andreas die Flucht mit dem Tod endet.
In zwei Erzählsträngen wechselt das Geschehen zwischen Rückblenden in das Leben der Jugendlichen in der DDR und der Gegenwart, der Flucht über die Ostsee. Dadurch ist das Buch unheimlich fesselnd, ich konnte es bis zum Schluss nicht aus der Hand legen.
Ich vergebe für Jenseits der blauen Grenze 5 Sterne, eine ganz klare Leseempfehlung und auch eine Empfehlung für den Fortsetzungsroman So leicht kommen wir nicht davon, den ich sogar noch eindringlicher und besser fand!
Vielen Dank an den Arena Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!