Der kleine Cedric lebt mit seiner Mutter in einfachen Verhältnissen in New York und bemüht sich rührend um sie, seit der Vater verstorben ist. Die Nachricht, dass sein Vater ein Lord und der einzige verbliebene Erbe des englischen Familienbesitzes war, bringt das Leben der kleinen Familie gehörig durcheinander, schließlich war Cedrics Großvater bisher nicht begeistert von der wenig standesgemäßen Heirat seines Sohnes, muss nun aber, aus der Not heraus einen Erben zu bestimmen, Kontakt aufnehmen.Jeder kennt wahrscheinlich die bekannte Verfilmung des Stoffes mit Alec Guinness als kaltherzigen englischen Adligen, der den Enkel als Erben nach England kommen lässt und dabei die Mutter des Jungen so absolut und vollkommen ignoriert, wie es nur irgend geht und wie dieser kleine Junge, engelsgleich das Herz des Alten erobert und diesen zu einem besseren Menschen macht. Reichlich rührselig, aber so ans Herz gehend, dass der Film natürlich perfekt in die Weihnachtszeit passt und daher im deutschen Fernsehen ebenso Tradition ist, wie die Verfilmung von "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Ich muss gestehen, dass ich mich dem Film lange verweigert habe, das war mir zu viel offenkundiger Kitsch und zu viel Herzschmerz und überhaupt zu viel von allem. Nachdem ich ihn dann aber doch gesehen habe, konnte ich die Anziehungskraft dahinter durchaus nachvollziehen, stillt die Geschichte doch in unvergleichlicher Art das Bedürfnis nach Harmonie und heile Welt.Die ursprüngliche Geschichte hat jetzt zwar gar nichts mir Weihnachten zu tun, das tut dem Leseerlebnis allerdings keinen Abbruch. Natürlich merkt man der Geschichte ihr Alter in Stil und Sprache sehr an, stellenweise kann sie sogar etwas anstrengend werden, aber das ist bei Jane Austen auch manchmal der Fall. Was mich allerdings doch mehr als einmal hat stocken lassen ist einfach die doch sehr plakative Darstellung von Gut und Böse, der engelsgleiche blonde Cedric, seine ebenso engelsgleiche, gütige, hilfsbereite, aufopfernde Mutter, die ihr Wohl absolut und uneingeschränkt dem ihres Kindes unterordnet und dem gegenüber der kaltherzige Großvater, blind gegenüber den Nöten und Bedürfnissen seiner Pächter, unversöhnlich was die Lebensentscheidungen seiner verstorbenen Kinder angeht, selbst nie in der Lage ihnen gegenüber Liebe zu empfinden und später im Buch auch noch die vermeintliche Witwe seines anderen Sohnes, die Ansprüche für ihr eigenes Kind anmeldet und als absolut verdorben dargestellt wird. Sicher entspricht all dies dem Empfinden der Zeit, kann aber auch leicht zu viel werden aus moderner Sicht.Das Buch ist unbestreitbar ein Klassiker, den man nicht nur zur Weihnachtszeit lesen kann und auch sollte. Natürlich muss man ein bisschen auf Kitsch und dieses heile Welt Gefühl stehen, aber letztlich tut ein bisschen Kitsch keinem weh und was fürs Herz ist der kleine Lord Fauntleroy allemal.