Der Kriminalfall ist unspektakulär, aber der Ermittler macht richtig Spaß!
Das Aostatal im äußersten Nordwesten Italiens ist im Winter ein beliebtes Ziel für Skifahrer. Man findet dort Berge, Schnee, Lifts, Seilbahnen, planierte Pisten und die Pistenraupen, die dafür sorgen, dass die Schneedecke überall glatt und fest liegt. Eine derartige Pistenraupe zerhäckselt mit ihrer Fräse eines Abends den Körper eines Mannes, der unter der Schneedecke lag. Der Tote heißt Leone, er betrieb mit seiner schwangeren Frau aus dem Ort ein angesagtes, edel renoviertes Bergrestaurant, für das er sich tief verschulden musste. Und im Streit mit seinem Bruder aus Sizilien um den Verkauf einiger geerbter Immobilien dort stand er auch.Eine Leiche im Schnee verbuddelt? Abseits der Piste? Da stimmt was nicht. Und so nimmt Rocco Schiavone, der für Kriminalfälle zuständige Vicequestore (den Titel Commissario hat die italienische Polizei abgeschafft, wie wir lernen) des Tals, die Ermittlungen.Die Geschichte spielt Anfang Februar, wenn die Skisaison in vollem Gange läuft. Die Kulisse ist beeindruckend: das langgezogene Tal (das sich über fast hundert Kilometer streckt) mit seinen Seitenarmen, die Bergdörfer, wo jeder mit jedem verwandt oder verschwägert ist, die mondänen Skizentren, das beschauliche Städtchen Aosta. Der Kriminalfall und seine Auflösung haben mich nicht sonderlich beeindruckt. Das ist Standardkost und könnte auch in einer Folge "Derrick" oder "Rosenheim Cops" abgehandelt werden.Aber mit seinem Ermittler ist dem Autor Antonio Manzini ein ganz großer Wurf gelungen! Dottore (was nur heißt, dass er studiert hat) Schiavone wurde aus Rom strafversetzt und leidet ganz fürchterlich unter dem Schnee und der Kälte und er sehnt sich nach den milden Wintern in der ewigen Stadt! Er ist ein misanthropischer Kotzbrocken, ein Miesepeter mit echt römischer Arroganz und der hartleibigen Weigerung, von seinen eleganten Clark Wildlederschuhen auf unförmige Winterstiefel umzusteigen. Sein ganzer Habitus ist dabei nicht nur ein oberflächlicher "Signature Move", um den Ermittler im Meer der Kommissare wiedererkennbar zu halten (so wie Kojaks Lolli oder die Espressi des Kommissar Dupin) - nein, wir haben es hier tatsächlich mit einer ebenso ungewöhnlichen wie komplexen Figur zu tun. Manzinis Rocco Schiavone finanziert seinen Lebensstil und seinen geplanten Altersruhesitz in der Provence mit illegalen Geschäften; er ist korrupt und unfreundlich, mit einem gänzlich ungenierten und unzeitgemäßen Blick auf junge Frauen und ihre Reize, dazu neigt er zu Gewaltausbrüchen, und einige seiner privaten Geheimnisse bleiben am Ende des Bandes bestenfalls angedeutet. Das war definitiv mal was andres, das fand ich richtig gut, und es macht Lust auf mehr!