¿So ist einfach die Grundaufgabe im Leben, dass man herausfindet, was das Beste für einen selbst ist, bzw. was einem gut tut.¿
"Die Assistentin" erzählt die Geschichte von Charlotte, die in einem renommierten Münchner Verlagshaus die Assistentin des Verlegers wird. Eine große Chance, wie die Eltern finden, eine "riesengroße Fehlentscheidung", wie Charlotte gleich auf der ersten Seite mehrfach bemerkt. Denn wie sich bald herausstellt, ist der Verleger ein Narzisst mit vielen Allüren, mit Zuckerbrot und Peitsche. Für den richtigen Umgang mit ihm gibt es ein Handbuch, in dem genau festgehalten wird, wie das Brot geschnitten, die Suppe serviert, ein Flug gebucht werden muss.Wenn Charlotte auch noch zum Chef nach Hause kommen soll, um dort zu arbeiten, geht das zu weit. Er ist einer dieser Männer, die ihre meist jungen und auch gutaussehenden Assistentinnen in den Wahnsinn treiben und auf eine gewisse Art auch missbraucht.Caroline Wahl meint dazu:"Es ist keine Metoo-Geschichte, die ich erzähle, es sind keine klaren Grenzüberschreitungen. Er fasst die nicht bewusst an, aber trotzdem merkt man beim Schreiben und auch beim Lesen, dass das überhaupt nicht okay ist, was da passiert."Wie unmöglich das Verhalten des Chefs ist, wissen alle im Verlag. Sie sehen auch, wie hoch die Kündigungsrate der Assistentinnen ist. Das findet Caroline Wahl fast noch schlimmer. "Da sollte jeder eigentlich sofort eingreifen. Es ist mir beim Schreiben noch bewusster geworden, dass da eben oft zugeschaut wird und es belächelt wird. Ja, er ist Chef, er darf ein "weirder" Mensch sein, der komische Anforderungen hat und dafür ist er ja ein guter Chef und so weiter. Nein!"Charlotte ist sehr ehrgeizig und steckt vieles weg. Anfangs scheint sie geradezu stolz drauf zu sein, wie sie mit den Eigenheiten des Chefs umgehen kann. Dieser gewisse Stolz hindert sie daran, zu kündigen, selbst dann noch, als ihr Körper längst zeigt, dass es zu viel ist. Hinzu kommt eine große Scham. Sie gerät in so Strukturen rein und kommt da nicht mehr raus, und will immer ein bisschen besser dastehen als ihre Kollegin und schwärzt diese mitunter an.Sie ist eben keine klare Heldin, vor allem ist sie auch einsam und natürlich taucht irgendwann auch ein junger Mann auf. Die Einsamkeit überkommt sie besonders, wenn sie an ihren alten Nachbarn denkt, einen kränklichen Musiker in Cowboyboots.Auch Charlotte trägt immer wieder schwere Boots, die der Chef verlässlich kommentiert. Für sie sind sie eine Art Schutz oder Uniform. Sie findet, diese Plateau Boots einfach geil und zieht sich einfach gerne schön an, andererseits sind es natürlich auch solche Schuhe, die sie größer und sich stärker fühlen lassen.Schließlich emanzipiert sich Charlotte. Sie bricht patriarchale Strukturen auf und legt die Vorstellung ab, die Eltern seien schuld an ihrer Situation. Denn Eltern wollen das Beste für das Kind, sie wissen aber nicht, was das ist. Wie auch? Das Kind weiß selbst nicht, was das Beste ist. Im Grunde ist "Die Assistentin" also eine Coming-Of-Age-Geschichte, nur mit einer etwas älteren Protagonistin. "Das Beste" findet Charlotte in der Musik. Einerseits hört sie viel Musik andererseits macht sie Musik - flüchtet abends in ihre Songs und in eine andere Welt, eine Art Schutzraum. Auch Caroline Wahl ist während ihrer Zeit als Verlagsassistentin in eine andere Welt geflüchtet - in die des Schreibens. Genauer gesagt in die von Tilda und Ida; sie hat damals "22 Bahnen" geschrieben. Unweigerlich jetzt die Frage, ob der Roman autobiographisch ist oder nicht.Zum Schluss Carolines Message: "Habt Bock aufs Leben. Wenn ihr für was brennt, kämpft dafür, dass ihr das machen könnt. Und seid mutig. Wenn sich, was im Bauch richtig anfühlt, dann vertraut diesem Bauchgefühl. Macht keine, oder zumindest nicht zu viele Kopfentscheidung."Caroline Wahl scheint damit gut auf ihrem Weg zu einer "der bekanntesten Autorinnen Deutschlands" zu sein.