Norwegen ist auch für mich ein ganz besonderes Land, eines, das mich immer wieder in seinen Bann zieht. Auch wenn ich selbst noch nicht so weit in den Norden vorgedrungen bin wie Jule in diesem Roman, konnte ich mich sofort in die Beschreibungen der Fjorde, Küsten und kleinen Inseln hineinversetzen. Besonders schön fand ich die atmosphärischen Details, die Reise auf der Hurtigruten, das Café auf Fyrøya oder kleine kulinarische Einblicke wie Skoleboller und Brunost, die ein Stück norwegische Lebensart vermitteln.
Die Handlung dagegen konnte mit dieser Kulisse für mich nicht mithalten. Von Beginn an war klar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln würde. Das tragische Geheimnis, das mit Jannas Begegnung verbunden ist, zeichnete sich schnell ab, sodass kaum Spannung aufkam. Ein Roman, der eigentlich von Enthüllungen und Überraschungen leben könnte, verlor dadurch früh an Reiz und wurde für mich zunehmend vorhersehbar.
Auch die Figuren blieben etwas blass. Jule wirkte oft wie eine Beobachterin, die ihre Reise dokumentiert, anstatt sie wirklich zu durchleben. Janna erschien zwar sympathischer, doch auch ihre Geschichte konnte mich nicht so fesseln, wie ich es mir gewünscht hätte. Die eingeflochtenen Liebesgeschichten fühlten sich eher oberflächlich an, eher schmückendes Beiwerk als echte emotionale Entwicklung.
Dazu kam eine Vielzahl an Themen, die Kabus in den Roman einbaut: DDR-Vergangenheit einschließlich Stasi,deutsch-norwegische Beziehungen, Atomtests, Diskriminierung der Sámi. Jedes für sich interessant, aber in der Masse überladen und dadurch wenig fokussiert. Statt einer stringenten Erzählung entsteht so ein Geflecht aus Nebensträngen, die den roten Faden schwächen.
Am stärksten bleiben für mich die Landschaftsbilder die Weite des Meeres, die Ruhe im hohen Norden, aber auch die Abgeschiedenheit. Diese Atmosphäre trägt den Roman, auch wenn die eigentliche Handlung zu durchschaubar blieb und mich nicht wirklich überraschen konnte.