Ein wirklich gutes Buch, mit vielen leider leicht vorhersehbaren Plots
Ich weiß auch nach dem Beenden von Verity noch nicht so ganz, wie ich dieses Buch eigentlich beurteilen soll. Eines kann ich aber definitiv sagen: Es hat mich unglaublich gut unterhalten und ich konnte es kaum aus der Hand legen.Im Mittelpunkt steht die Autorin Lowen Ashleigh, die das Angebot bekommt, die erfolgreiche Buchreihe von Verity Crawford weiterzuführen, nachdem diese selbst nicht mehr in der Lage dazu ist. Dafür zieht Lowen vorübergehend in das Haus der Familie Crawford, um Veritys Unterlagen durchzuarbeiten. Dort stößt sie auf ein Manuskript, das eigentlich nie für die Öffentlichkeit bestimmt war und plötzlich vieles in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.Besonders gut gefallen hat mir der Schreibstil. Colleen Hoover schreibt unglaublich leicht und flüssig, sodass ich nur so durch die Seiten geflogen bin. Dazu kommt, dass von Anfang an eine gewisse unterschwellige Spannung vorhanden ist. Es muss nicht permanent etwas Großes passieren, damit man weiterlesen möchte. Vielmehr hatte ich ständig das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt und dass hinter dem Offensichtlichen noch deutlich mehr steckt. Genau diese Atmosphäre hat dafür gesorgt, dass ich das Buch innerhalb eines Tages durchgelesen habe.Ein großer Pluspunkt war für mich außerdem der Wechsel zwischen Lowens Erlebnissen in der Gegenwart und den Abschnitten aus Veritys Manuskript. Dadurch bekommen wir zwei vollkommen unterschiedliche Einblicke in die Geschichte und gleichzeitig entstehen immer neue Fragen. Wem kann man glauben? Was ist tatsächlich passiert? Und wie viel Wahrheit steckt überhaupt in dem, was man gerade liest? Gerade weil man Verity hauptsächlich über ihre eigenen geschriebenen Worte und Lowens Wahrnehmung kennenlernt, bleibt sie als Figur lange schwer greifbar. Ich war während des Lesens immer wieder zwiegespalten und habe meine Meinung über sie mehrfach hinterfragt.Lowen mochte ich grundsätzlich sehr gerne. Sie wirkt zunächst angenehm bodenständig und nachvollziehbar und war für mich eine Protagonistin, mit der ich gut durch die Geschichte gehen konnte. Gleichzeitig entwickelt sie im Laufe des Buches Verhaltensweisen, die ich zunehmend fragwürdig fand. Besonders ihre Fixierung auf Jeremy und dieses ständige Vergleichen mit Verity waren mir teilweise deutlich zu extrem. Einige ihrer Gedanken fand ich ehrlich gesagt ziemlich verstörend. Gleichzeitig passt genau das wiederum hervorragend zur gesamten Atmosphäre des Buches, denn irgendwann weiß man eigentlich bei keiner Figur mehr so richtig, was man von ihr halten soll.Auch Jeremy war für mich von Anfang an jemand, dem ich nicht vollständig vertrauen konnte. Ich hatte sehr früh das Gefühl, dass die Situation nicht so einfach sein kann, wie sie zunächst dargestellt wird. Gerade bei einer Geschichte, in der so stark mit Wahrheit, Wahrnehmung und unterschiedlichen Versionen von Ereignissen gespielt wird, konnte und wollte ich mich nicht darauf einlassen, eine einzelne Person einfach als glaubwürdig abzustempeln.Das führt allerdings auch zu meinem größten Kritikpunkt. Viele Entwicklungen und mögliche Wendungen konnte ich relativ früh erahnen. Gerade wenn eine vermeintliche Erklärung präsentiert wird, während noch ziemlich viele Seiten übrig sind, ist für mich schnell klar, dass die Geschichte noch nicht vorbei sein kann. Einige meiner Theorien haben sich deshalb zumindest teilweise in die Richtung entwickelt, die ich erwartet hatte.Überraschenderweise hat mir das aber kaum Spannung genommen. Statt unbedingt von jeder Wendung überrascht werden zu wollen, wollte ich vor allem wissen, ob meine Vermutungen tatsächlich stimmen oder ob Colleen Hoover mich doch noch in eine völlig andere Richtung führt. Dadurch hatte das Lesen fast etwas von einem ständigen Rätselraten.Die charakterliche Entwicklung finde ich dabei besonders interessant, weil sich weniger die Figuren komplett verändern als vielmehr meine Wahrnehmung von ihnen. Mit jeder neuen Information bewertet man vorherige Situationen anders und hinterfragt zunehmend die eigenen Einschätzungen. Genau darin liegt für mich eine der größten Stärken des Buches. Es spielt sehr stark damit, dass wir als Leser nur das beurteilen können, was uns die jeweiligen Figuren zeigen oder erzählen.Insgesamt ist Verity für mich ein psychologischer Thriller, der vor allem von seiner düsteren Atmosphäre, den unterschiedlichen Perspektiven und der permanenten Unsicherheit lebt. Manche Entwicklungen waren für mich vorhersehbarer, als ich es mir bei einem Thriller gewünscht hätte, und gerade Lowens Verhalten rund um Jeremy war mir teilweise etwas zu extrem. Trotzdem konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Es war spannend, unangenehm, stellenweise wirklich verstörend und hat mich ständig überlegen lassen, wem ich eigentlich glauben möchte.Und wahrscheinlich ist genau das der Punkt, der mir am meisten gefallen hat: Selbst nachdem man das Buch beendet hat, beschäftigt man sich noch damit, wie man die Figuren und das Gelesene eigentlich einordnen soll.