Lucy Barton liegt fast neun Wochen im Krankenhaus. Auslöser ist eine Blinddarm-OP. Danach nimmt sie stark ab, weil sie keine Nahrung bei sich behalten kann. Eine klare Diagnose gibt es nicht; irgendwann verschwinden die Beschwerden so rätselhaft, wie sie gekommen sind.Lucy ist verheiratet und hat zwei Kinder. Weder ihr Mann noch die Kinder können sie häufig besuchen. Zudem organisiert ihr Mann ein Einzelzimmer - die Einsamkeit wird dadurch noch spürbarer. Trost spendet ihr der Blick auf das nachts beleuchtete Chrysler Building.Eines Tages sitzt plötzlich ihre Mutter an ihrem Bett. Der Mann hatte sie informiert und um Hilfe gebeten. Die Mutter bleibt mehrere Tage. Zwischen Klatsch und Tratsch tauchen bei Lucy Erinnerungen an ihre Kindheit auf - Erinnerungen bei denen man gut verstehen kann, dass sie sie verdrängen wollte. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, lange Zeit lebte die Familie in einer Garage, erlebt Lucy vieles, was eine dysfunktionale Familie ausmacht. Armut scheint zudem für Außenstehende fast eine Art Freibrief zu sein, auf Lucy und ihren Geschwistern herumzuhacken.Die Mutter, selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen, findet keine Worte für ihre Gefühle. Nächtelang am Bett zu wachen, ist der größte Ausdruck von Nähe, zu dem sie fähig ist. Doch selbst am Krankenbett kommt es zu einem körperlichen Übergriff.Lucy findet im Schreiben ein Ventil und kann sich nach der gescheiterten Ehe davon gut finanzieren. Der Roman wirft einen bitteren Blick hinter die Kulissen einer Unterschicht-Familie im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Schmerzhaft spürt man als Leser:in, dass trotz aller Brüche tiefe Gefühle vorhanden sind:"Wir waren eine so kaputte Familie gewesen, wir alle fünf, aber jetzt erst merkte ich, wie tief hinunter ins Herz das Geflecht unserer Wurzeln reichte."Elizabeth Strout zeigt eindrücklich, dass man seine Vergangenheit in gewisser Weise hinter sich lassen kann - und zugleich, wie sehr fehlende Liebe in der Kindheit einen für spätere Beziehungen verwundbar macht.Was bleibt, ist die Unvollkommenheit der Liebe.Der Roman stand zurecht auf der Shortlist des Man Booker Prize. Von mir: 5 Sterne für dieses leise, berührende Buch.