
Besprechung vom 02.07.2026
Die Blutreliquie wurde ihm peinlich
Wer liest heute noch Karl May? Trotzdem erscheint eine historisch-kritische Ausgabe seiner Werke. Nun kommt endlich "Der Schut". Hält er der Relektüre stand?
Und ist es wirklich wahr?" So hebt der vieltausendseitige Orientzyklus von Karl May an, in dem dieser ehedem populärste deutschsprachige Erzähler seinen Kara Ben Nemsi genannten Ich-Erzähler durchs ganze Osmanische Reich reiten lässt. Die Frage kann programmatisch gelesen werden, auch wenn sie im Kontext der Handlung der religiösen Überzeugung der Hauptfigur gilt. Aber ob das wahr war, was May da erzählte, das fragten sich seinerzeit viele seiner Leser, und der Autor tat alles dafür, den Anschein zu erwecken, dass es wahr sei - bis hin zur Ausstattung seiner Radebeuler Villa mit nachgemachten Accessoires aus den Romanen. Der Ich-Erzähler trägt ja auch den Namen "Karl" (zu Kara arabisiert) und stammt wie May aus Sachsen. Allerdings hat die austrainierte Physiognomie des Abenteurers keinerlei Ähnlichkeit mit dem schmächtigen Männlein, das sein Verfasser war.
Aber May war ein ungemein produktiver Autor. Keine zwei Jahre währt die Handlungszeit der Orientreise, aber publiziert wurde sie über acht Jahre hinweg, von 1881 bis 1888 als Fortsetzungen in der wöchentlich erscheinenden katholischen Zeitschrift "Deutscher Hausschatz". Und dann erschien von 1892 an eine Buchausgabe, die auf sechs Bände verteilt war und zu Mays Zeiten (er starb 1912) zwölf Ausgaben erlebte, die allerdings nicht einmal hunderttausendfach verkauft wurden. Erst postum gingen seine Auflagen in die Millionen; die Ausgabe des Bandes "Der Schut" aus der Kinderzeit der Rezensenten ist ausgewiesen als "1390. Tausend".
Wessen (männliche) Kindheit sich im deutschen Sprachraum der ersten drei Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts abgespielt hat, dürfte Karl May gelesen haben. Zumal mit der Verfilmungswelle der Sechzigerjahre noch einmal ein Popularitätsschub erfolgte. Der jedoch in den Achtzigerjahren verebbte - gerade als mit der Gemeinfreiheit der Werke siebzig Jahre nach Mays Tod eine Flut von billigsten Neuausgaben herauskam. Und eine immens teure: die Historisch-kritische Werkausgabe, die Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger verantworteten. Sie erschien aber nicht im Karl-May-Verlag, sondern erst bei Greno, dann bei Haffmans und schließlich im Bücherhaus Bargfeld, einem Eigenverlag der beiden Herausgeber, ehe die Ausgabe nach 41 von mehr als hundert geplanten Bänden und dem Tod Wollschlägers 2007 doch noch vom Karl-May-Verlag übernommen wurde, wo sie seitdem unter Federführung der Karl-May-Gesellschaft weiter erscheint.
Sie ist ein Prestigeobjekt für the happy very few, die sich eine Guilty-pleasure-Relektüre ihrer Jugendzeit-Faszination durch bibliophile Freuden noch versüßen lassen wollen: Halbleinen mit Silberprägung, Graphitkopfschnitt, Buntpapierbezug und Lesebändchen. Kostenpunkt pro Band aktuell mehr als fünfzig Euro im Einzelbezug. So auch für den jüngsten: "Der Schut", den Abschlussband des Orientzyklus. Mit ihm rundet sich eine interessante Einzelgeschichte innerhalb der Gesamtausgabe. Denn die ersten fünf Teile des Zyklus erschienen 1988 binnen eines einzigen Jahres noch bei Greno, doch der letzte fehlte seitdem. Grund dafür war, dass erst darin der gesamte editorische Bericht für den Zyklus enthalten sein sollte - also das, was eine "historisch-kritische Ausgabe" ausmacht: Variantenapparat und begleitende Einordnung. So etwas für mehr als dreitausend Seiten gesammelt zu erstellen, überstieg das Vermögen der ursprünglichen Herausgeber.
Nun gibt es mit Ausnahme der Winnetou-Erzählungen nichts von Karl May, das so beliebt ist wie die Orientreise. Und deshalb waren die fünf ersten Bände auch bald vergriffen (was nicht für viele Titel der Historisch-kritischen Ausgabe gilt). Für die notwendige Neuauflage beschloss die Karl-May-Gesellschaft eine Änderung: Nun kamen die jeweiligen editorischen Berichte doch schon in die Einzelbände. Was dazu führte, dass sich die Fertigstellung des "Schut" noch weiter verzögerte, weil erst einmal die Vorgänger neu betreut sein wollten. Nach 38 Jahren ist der Zyklus jetzt aber endlich komplett.
Hat sich das Warten gelohnt? Großartige Varianten gab es bei den einzelnen Ausgaben zu Mays Lebzeiten nicht, die Handschriften sind nicht erhalten. Geschäftliche oder private Korrespondenzen bleiben im editorischen Bericht zum "Schut" weitgehend unberücksichtigt, Zusammenarbeit und etwaige Differenzen zwischen Autor und Verlagen somit in diesem Buch ein schwarzes Loch. Natürlich wird die heute arrogant anmutende deutschnationale und christliche Prägung des Geschehens thematisiert, aber dass etwa die Basis für Mays geologische Psychologie - "Sein Inneres", heißt es etwa einmal über "den Hochlandbewohner", also die albanische Bevölkerung, "zeigt wenige helle, freundliche Punkte; es ist von tiefen Spalten und Rissen durchzogen" (und somit genau wie die Landschaft, die Kara Ben Nemsi im "Schut" durchreitet) - herausgearbeitet würde, darf man nicht erwarten.
Der interessanteste Eingriff, den May selbst tätigte, betrifft den acht Jahre später spielenden "Anhang", den er erst 1892 geschrieben hatte, um den "Schut" auf die obligatorische Seitenzahl eines Einzelbandes zu bringen. Darin wird Rih, der geliebte Rappe des Ich-Erzählers, getötet (weshalb der Anhang in postumen Ausgaben die Überschrift "Mein Rih" bekam). Kara Ben Nemsi fängt mit seinem Kopftuch aus der blutenden Schusswunde des Pferdes dessen Blut auf, und dann hieß es in der Ursprungsfassung: "Dieses Tuch ist heute noch ein Andenken, welches ich um keinen Preis aus der Hand geben würde." Doch das war selbst dem im Laufe seines Schreibens für den katholischen Auftraggeber selbst arg katholisch gewordenen gebürtigen Protestanten Karl May zu reliquienähnlich (oder zu blasphemisch), jedenfalls ließ er den Satz aus den letzten Ausgaben zu Lebzeiten streichen.
Deshalb fehlt er nun auch im Lesetext der historisch-kritischen Edition des "Schut". Seltsam genug, dass er allerdings in allen normalen Buchausgaben längst wieder drinsteht, doch mit solchen Verlagsentscheidungen gegen die letztgültigen Verfügungen des Autors hält sich der editorische Bericht nicht auf; er erwähnt sie nicht einmal. Dafür gibt es eine lange Subskribentenliste am Ende des Buchs. Darunter keine zwanzig Frauennamen. ANDREAS PLATTHAUS
Karl May: "Der Schut". Reiseerzählung.
Hrsg. von Florian Schleburg und Joachim Biermann. Karl-May-Verlag, Bamberg 2026. 625 S., geb., 54,90 Euro. (im Abonnement
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