Die frische Leiche des Schnalstals wird sicher nicht die Berühmtheit wie Ötzi erlangen, dafür fehlt ihr einfach der ¿Reifegrad¿.
Während der vor knapp 5.300 Jahren an Ötzi (der "Mann vom Hauslabjoch") verübte Mord noch ungesühnt bleiben musste, mischt ein aktueller Mord im Gletschergebiet des Schnalstals eine Menge Staub (in diesem Fall wohl eher Schnee) auf. Bindeglied zwischen beiden Taten: eine Pfeilspitze. Letztere offensichtlich aus dem Waffenarsenal von Ötzi. Der Sch(l)uss liegt nahe, dass beide Fälle wohl irgendetwas miteinander zu tun haben könnten.Und so nehmen denn die beiden Hauptermittler die Spuren auf, von denen es zunächst zahlreiche gibt, und die in eine atemraubende Landschaft mit charakterstarken, man könnte auch sagen eigenwilligen, Figuren führt. Der Krimi bezieht seinen besonderen Reiz nicht nur aus den teils dissonanten Schilderungen von Landschaft und Bevölkerung ("Es gab Menschen, die nach Südtirol zogen und es auf Dauer nicht aushielten, eingezwängt zwischen den Bergen. Südtirolern ging es meist andersherum. Sie brauchten die Berge. Sie gaben ihnen Halt."), sondern insbesondere aus den unterschiedlichen Charakteren. Da haben wir zum einen den "Chef im Ring", Commissario Grauner, ein Urgestein aus dem Eisacktal, der nebenher einen Bauernhof betreibt. Ihm zur Seite, der nassforsche Neapolitaner Claudio Saltapepe, der eine gewissen Leichtigkeit in die Bergwelt (nicht unbedingt in die Ermittlungen) bringt. Die Chance, diese beiden Welten näher zu durchleuchten, lässt sich der Autor nicht entgehen. Und so erfahren wir einiges über die Mafia und die besonderen Ermittlungsmethoden in Neapel, die nicht immer so ganz das Wohlgefallen des Commissarios finden. Dennoch ergänzen sie sich wunderbar, zeigen jeweils ihre kulinarischen Schwerpunkte, ihre verschiedenen Geschmäcker bezüglich ihrer Fahrzeuge (Alfa versus Panda) sowie der Musik (Eros Ramazzotti versus Mahler). Die kriminalistische Aufklärungsarbeit wird ergänzt durch etwas Landeskunde und Informationen rund um die Mumie von Similaun. Eingängige Personenbeschreibungen lassen unmittelbar ein passendes Bild im Kopf entstehen: "Der Mann, der vor dem Café in der Sonne saß, gehörte zu der seltenen Spezies, der ein Strohhut wie angegossen zu passen schien. Selbst jetzt, im Winter. Er war einer jener Typen, die aussahen, als hätten sie bereits jedem Löwen in Afrika persönlich tief in die Augen geschaut." Inzwischen kann ich mir auch ein einigermaßen zutreffendes Bild von der Farbe "pamperwollgrau" (Pamper = Südtiroler Dialekt für Schaf) machen.Die frische Leiche des Schnalstals wird sicher nicht die Berühmtheit wie Ötzi erlangen, dafür fehlt ihr einfach der "Reifegrad". Dennoch ist dieser Krimi sehr unterhaltsam und bietet die Möglichkeit, vom hektischen Alltag etwas Abstand zu gewinnen. Als willkommene Zugabe gibt's ein wenig "Schön-zu-wissen". (20.3.2020)