Man könnte dieses Buch als einen einzigen, langen Chat begreifen, als ein Rauschen aus Nachrichten, Selbstgesprächen, Astrologie und dem immer wiederkehrenden Versuch, die eigene Gefühlslage in Worte zu fassen. Und genau darin liegt seine eigentümliche Kraft: Es ist kein klassischer Roman, der seine Figuren von außen betrachtet, sondern ein Text, der sich von innen heraus entfaltet, getrieben von der Unruhe einer Frau, die nicht weiß, ob sie gehen oder bleiben soll, und eines Mannes, der nicht weiß, was er will. Die Handlung ist schnell erzählt: Leeloo, Mitte vierzig, offene Ehe, zwei Hunde, ein Haus, eine Firma und eine Affäre mit Gekko, einem Ingenieur in Bangkok, der sie immer wieder auf Abstand hält, sie aber auch nicht ganz loslässt. Was folgt, ist eine Achterbahn aus Treffen, Trennungen, Missverständnissen, neuen Männern und alten Gefühlen. Doch das Entscheidende ist nicht, was passiert, sondern wie es erzählt wird: in Chats, E-Mails, inneren Dialogen, mit einem Gewissen, das ständig dazwischenfunkt, und mit einer Direktheit, die manchmal schmerzt und manchmal komisch ist.
Der Autorin gelingt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die zwischen Nürnberg und Bangkok pendelt, zwischen Kühle und Schwüle, zwischen Alltag und Ausnahmezustand. Dabei ist der Stil alles andere als glatt: Er ist umgangssprachlich, voller Kraftausdrücke, Denglisch und Selbstironie. Manches wirkt wie ein Tagebuch, das nie für die Öffentlichkeit bestimmt war, anderes wie ein bewusst inszenierter Chatroman. Das ist mutig und ehrlich, aber auch anstrengend, weil sich die Figuren in ihren Gefühlen wiederholen und die Handlung oft nur im Kreis läuft. Wer schnelle Wendungen oder eine klassische Dramaturgie erwartet, wird enttäuscht. Wer sich jedoch auf die Stimme einlässt, wird belohnt: mit Momenten von großer Intensität, mit Humor, mit Trauer und mit einer Lieblings-Zentralthese, die mich nachhaltig beschäftigt hat der Idee nämlich, dass der sichere Boden der Metaebene genau dort liegt, wo man ihn am wenigsten vermutet, und dass man manchmal erst durch Schmerz und Chaos hindurch muss, um zu erkennen, was man wirklich will. Ein Lieblings-Exkurs ist für mich die Szene in der Bar Mixology in Chiang Mai, in der ein Zitat an der Wand steht, das Gekko die Augen öffnet und die gesamte Geschichte auf eine andere Ebene hebt.
Ich wurde gut unterhalten, ja, oft sogar sehr gut. Ich habe das Buch sehr flüssig lesen können, auch wenn es Längen hat und manche Passagen sich ziehen. Besonders die Dialoge und die direkte Ansprache der Leserinnen und Leser haben mich gefesselt. Gleichzeitig fehlt es dem Buch an Straffung und an einer klaren Entscheidung: Ist es ein Roman, ein Memoir, ein Chatprotokoll oder eine Selbstanalyse? Es ist von allem etwas, und das macht es eigenwillig, aber nicht immer souverän.
Eine filmische Umsetzung könnte ich mir gut als kurzweilige Dokumentation oder als Essayfilm vorstellen mit Interviewpassagen, nachgestellten Chatszenen und Aufnahmen von Bangkok und Nürnberg. Als klassischer Spielfilm würde es schwer funktionieren, weil die innere Handlung dominiert. Als Serie mit kurzen Episoden und viel Voice-over könnte es jedoch funktionieren. Man müsste die Chats kürzen und die Orte stärker visuell erzählen, aber der Kern die Zerrissenheit einer Frau zwischen zwei Männern und zwei Leben bliebe erhalten.
Ich vergebe vier Sterne (aufgerundet von 3,5), weil das Buch mutig, ehrlich und stellenweise brillant ist, aber an Wiederholungen und einer gewissen Selbstverliebtheit krankt. Es ist kein perfektes Buch, aber ein besonderes. Für Leserinnen und Leser, die Romance mit Tiefgang, Humor und expliziten Szenen mögen, ist es eine klare Empfehlung. Für alle anderen könnte es zu lang und zu chaotisch sein.
Nachtrag: Die Offenheit des Endes ist bewusst gewählt das hat mir die Autorin auf meine Frage hin bestätigt. Sie wollte keinen glatten Schluss, sondern einen Ausklang, der Raum für Spekulation lässt und die Tür für eine mögliche Fortsetzung offenhält. Für mich braucht es diesen vierten Teil allerdings nicht; Band 3 endet an genau der richtigen Stelle, versöhnlich und offen zugleich. Falls ein vierter Teil trotzdem erfolgen sollte, der verspricht, etwas Neues zu erzählen, bin ich selbstverständlich wieder dabei. Bis dahin gilt:
Gute Nacht, Venusfrau! / Gute Nacht, Feuermann!