Liane Loucks Das Jahr des Feuer-Affen, der zweite Band der Reihe "Feuermann & Venusfrau", beginnt mit einer Szene, die ebenso ungewöhnlich wie bezeichnend ist: Eine Frau Mitte vierzig steht an einem Dezembermorgen auf einem Schotterparkplatz am Münchner Flughafen, um einen Mann zu treffen, den sie bislang nur aus dem Internet kennt. Was folgt, ist keine romantische Komödie im herkömmlichen Sinne, sondern die schonungslos offene Bestandsaufnahme einer Affäre, die sich zwischen Chatfenstern, Flugreisen und den unauflösbaren Widersprüchen zweier Lebensentwürfe entfaltet.
Literaturkritikerin Sigrid Löffler hat einmal bemerkt, dass gute Literatur dort entsteht, wo das Private politisch und das Politische privat wird. Nun ist Das Jahr des Feuer-Affen kein politischer Roman, doch er verhandelt ein Thema, das durchaus gesellschaftliche Relevanz besitzt: die offene Ehe, das Älterwerden, die Frage, ob Liebe an Exklusivität gebunden sein muss. Louck erzählt davon ohne missionarischen Eifer, aber mit einer bemerkenswerten Ehrlichkeit. Ihre Protagonistin zweifelt, hadert, genießt und leidet und gerade in dieser Ambivalenz liegt die Stärke des Buches.
Formal bedient sich die Autorin eines Mittels, das in der Gegenwartsliteratur zunehmend Verwendung findet, hier aber konsequent durchgehalten wird: Ein erheblicher Teil der Handlung spielt sich in Messenger-Dialogen ab. Das könnte ermüdend wirken, doch Louck versteht es, die Chat-Passagen rhythmisch zu variieren und immer wieder durch erzählerische Passagen aufzulockern. Der Stil ist locker, selbstironisch, mitunter schnoddrig, aber nie beliebig. Man merkt, dass hier jemand schreibt, die ihr Metier beherrscht.
Besonders gelungen ist die atmosphärische Schilderung Bangkoks die Hitze, der Verkehr, die Gerüche, die Höflichkeit der Menschen , die dem Roman eine sinnliche Dimension verleiht, die über das rein Beziehungsgeschichtliche hinausgeht. Auch die Nebenfiguren, allen voran die Freundinnen und der Ehemann, sind lebendig gezeichnet, auch wenn sie bisweilen etwas blass bleiben.
Was den Roman jedoch daran hindert, große Literatur zu sein, ist seine bisweilen überbordende Länge und die Neigung, emotionale Muster zu wiederholen. Die ständigen Nähe-Distanz-Schleifen zwischen den Protagonisten, so realistisch sie sein mögen, nutzen sich ab. Zudem bleibt die männliche Hauptfigur über weite Strecken hinweg eigentümlich konturlos man versteht seine Motive, aber man fühlt sie nicht. Hier hätte eine straffere Erzählweise gutgetan.
Dennoch: Ich wurde gut unterhalten, ja mehr noch, ich habe das Buch in wenigen Tagen durchgelesen, so flüssig und eingängig ist der Schreibstil. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Szene am Strand der thailändischen Insel, in der das Meer bei jedem Wellenschlag blau zu leuchten beginnt ein Bild von großer sinnlicher Kraft, das den Roman für einen Moment in die Sphäre des Magischen hebt.
Dass man sich eine Verfilmung dieses Stoffes gut vorstellen kann, liegt auf der Hand: als kurzweilige Serie, die mit Chat-Einblendungen spielt und zwischen München und Bangkok pendelt. Die Vorlage bietet genügend Stoff für mehrere Folgen.
Von mir gibt es vier von fünf Sternen. Den Abzug in der Bepunktung gibt es, weil die Handlung an einigen Stellen gestrafft werden könnte und die männliche Figur mehr Tiefe verdient hätte. Ich habe mit der Entscheidung lange gehadert. Ein halber Stern zusätzlich wäre angemessen gewesen für die sprachliche Leichtigkeit und die unbestreitbare Unterhaltsamkeit dieses Romans doch fünf Sterne wären mir zu viel des Lobes für ein Buch, das seine besten Momente nicht über die gesamte Strecke durchhält. Trotzdem freue ich mich auf Band 3 - "Cheat Stray Love: Weird Girl Romance (Feuermann & Venusfrau 3)".