
Anders als Nietzsche dachte, ist die Schuld nicht aus dem modernen Leben verschwunden, sondern erobert zunehmend den politischen Raum. Schuldbekenntnisse sind heute fester Bestandteil nationaler wie internationaler Politik. Maria-Sibylla Lotter hinterfragt die kulturelle Bedeutung der neuen Schuldpraxis und unterscheidet die politische Bedeutung von Schuldbekenntnissen von ihrer moralischen und rechtlichen. Wie Praktiken der Ausrede und der Rache dienen auch Schuldbekenntnisse der Wiederherstellung gestörter Respektsbeziehungen unter Gleichen. Aufgrund ihrer Anfälligkeit für moralistische Missverständnisse können sie aber auch eine destruktive Eigendynamik entwickeln.
Besprechung vom 20.09.2024
Sühne und Moral
Maria-Sibylla Lotter über die Rache
Gemeinhin betrachten wir Impulse zur Rache oder den Wunsch nach Vergeltung als archaische Restbestände in unserem Gefühlshaushalt, die sich dann Bahn brechen, wenn die sozial eingespielten Muster der Konfliktlösung versagen. Denn Nachsicht und Milde im Umgang mit den Verfehlungen des Gegenüber, die Fähigkeit zur Vergebung verdanken sich den Anstrengungen innerer Arbeit und Mäßigung. Hannah Arendt sprach demgemäß von Rache und Verzeihen als einem Gegensatzpaar, wobei nur beim Verzeihen zu erwarten sei, dass sich der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt auflösen könne.
Maria-Sibylla Lotter verfolgt eine Rehabilitierung der Rache. Moralisch verwerflich, ursächlich mit Zorn, Aggression und Zerstörungswut verbunden, in ihrer Reichweite potentiell unbegrenzt und, einmal begonnen, kaum noch einzugrenzen - all diese Annahmen seien Selbsttäuschungen und Illusionen einer Kultur, die sich frei von dem glaube, was in ihrem Innern doch weiterhin verwandelt fortlebe: "Jedenfalls sieht es so aus, als würde man auch in modernen westlichen Gesellschaften viel mehr in Kategorien der Vergeltung fühlen und handeln, als man sich eingesteht."
Von einer narzisstisch eingefärbten, fortschrittstrunkenen Projektion auf fremde Kulturen und vergangene Zeiten fehlgeleitet seien all diejenigen, die im Wunsch nach Rache nur das Überhandnehmen eines asozialen Affekts sehen, der sich Argumenten und Einsicht gegenüber blind verhalte, statt die ihm eigentümliche Rationalität anzuerkennen. Weniger auf die erlittene Tat selbst als auf nachträglich ausbleibende Bemühungen um "moralische Reparaturmaßnahmen" antworte nämlich die Rache. Sie könne somit als eine "Reaktion zweiter Stufe" interpretiert werden.
Diese begriffliche Verschiebung mag auf den ersten Blick unerheblich anmuten, dennoch rückt die Autorin die Rache damit in das Feld all jener Sozialtechniken, die nicht auf die Zerstörung, sondern gerade Wiederherstellung egalitärer Beziehungen aus sind. Rache und Verzeihen, so die Pointe, müssen gleichermaßen kulturell eingeübt werden, bedürfen der Überlegung und Abwägung und können dem sozialen Zusammenhalt letzten Endes dienlich sein.
Es sind die Gefühle der Verletzung und Kränkung nach einer erlittenen Demütigung, zu deren Anwältin sich die in Bochum lehrende Philosophin aufschwingt und die sie gegen die idealistische Schlagseite zeitgenössischer Moralphilosophie in Stellung bringt. Doch auch die mit der Rache verbundenen Dynamiken müssen bedacht werden: "Im Erfolgsfall versteht der Täter die Rache als gerechten Ausgleich und auch den damit verbundenen Machtverlust."
Weshalb nun gerade die rächende Reaktion des Opfers auf Seiten des Täters für Verständnis sorgen soll, erschließt sich nicht. Eher wäre davon auszugehen, dass in der Logik ausgleichender Vergeltung ein Konfliktkern eingelassen bleibt, der nur in den seltensten Fällen eine Perspektive beidseitiger Versöhnung zum Ergebnis haben kann. Und auch von der Seite des Opfers wäre zu hinterfragen, ob die Rache eine Stilllegung und Befriedung der negativen Gefühle im Innern des Geschädigten bewirken kann.
Im zweiten Teil des Buchs werden die bis dahin eingeschlagenen Pfade gefühlsphilosophischer Erkundungen mit der jüngeren Zeitgeschichte verknüpft und entlang einer Praxis politischer Kommunikation erläutert, die in den vergangenen Jahrzehnten Aufwind erfahren hat: die politische Entschuldigung für historisches Unrecht.
Die hier angestellten Überlegungen, etwa zur Frage nach den richtig verstandenen Bedingungen kollektiver Schuld, sind nicht uninteressant, doch die Vielzahl und der disparate Charakter der eingefügten Beispiele deuten darauf hin, dass sich die Wahrhaftigkeitsanforderungen authentischer Entschuldigungspraktiken auch im Raum des Politischen nur schwer begrifflich einfangen und listenartig dekretieren lassen: "Politische Entschuldigungen können nicht standardisiert werden." In den Fängen des alltagspraktischen, wie politstrategischen Umgangs mit Schuld und Vergebung gerät so auch die nüchtern und psychologisch geerdet auftretende Reflexion an die Grenzen ihrer Verallgemeinerbarkeit. TOBIAS SCHWEITZER
Maria-Sibylla Lotter: "Schuld und Respekt". Über die Praxis von Vergeltung und Versöhnung.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024.
191 S., br.
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