GELESEN: Marion Lagoda Ein Garten über der Elbe
Erschienen 24.04.2025
Bei Penguin-Verlag
379 Seiten
Gartenbaukunst ist tatsächlich das Hauptthema dieses überaus hübschen Romans. Damit es kein Sachbuch wurde, lesen wir in den Nebenhandlungen von Liebe, Eifersucht, Krieg und Verlust.
Wer sich für die Natur interessiert, ist in diesem Buch gut aufgehoben. Wer einen Garten anlegen will oder diesen verbessern möchte, findet, was er braucht.
Wir lesen über eine, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat, recht selbständige eigenwillige Frau Ende zwanzig, gestreckt über ein Viertel Jahrhundert. Sie hat ihren Lebensplan ganz klar vor Augen. Sie möchte in ihrem Beruf Karriere machen, sie möchte weder Ehemann noch Kinder. Sie wünscht sich ein ruhiges Leben abseits der Gesellschaft. Von Pflanzen versteht sie etwas, von Menschen nicht. Von ihrem Vater hat sie das Talent zum Gartenbau geerbt.
Wer sich für diesen Roman interessiert, sollte hier vielleicht nicht weiterlesen!
Zur Geschichte:
Im April 1913 reist die aus Würzburg stammende Halbjüdin Flora Hedwiga Herzog von Berlin nach Hamburg. Hier tritt sie ihre neue Stelle an. Sie wird Chefgärtnerin im Hause des jüdischen Bankiers Clarenburg im kleinen Fischerdorf Blankenese. Dass sie hier so freundlich von Ludwig Clarenburg empfangen wird, ist für die junge Frau ungewöhnlich. Lange Jahre hatte sie es nur mit unwirschen Kollegen zu tun. Eine Frau nahmen diese nie ernst. Sie darf in einem hübschen Gartenhaus wohnen und bekommt sofort nach ihrer Ankunft einen Einblick in den riesigen Garten.
Dass sie diesen Garten über Wochen sichten muss, um all seine Ecken zu erforschen, kam mir unwirklich vor.
Das Internet gab Auskunft. Es gibt tatsächlich in Blankenese Grundstücke zwischen 4.000 und 12.000 qm.
Detailliert wird beschrieben, was die groß gewachsene, rothaarige Hedda, wie sie genannt werden möchte, alles auf ihren Streifzügen entdeckt. Sie macht sich Notizen, beobachtet genau den Stand der Sonne, damit dann, wenn die neuen Pflanzungen beginnen, alles am idealen Platz steht. Aber nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Vögel haben ihre volle Aufmerksamkeit, denn diese kümmern sich um die Schädlinge.
Ihr Arbeitgeber erhält Zwischenberichte ihrer Planungen. Ludwig Clarenburg stellt ihr die fünf Gärtner vor, welche in seinen Diensten stehen. Lorenz Vidal hat Hedda bereits kennengelernt, als er mit nacktem Oberkörper den Rasen kürzte. Nicht nur wie er mit der Sense umging, gefiel Hedda.
Jost Vidal, dessen Sohn Lorenz Vidal, Peer Schuldt, Gisbert Dreyer, Siegfried Wermuth und Hans Rosenzweig sind die fest angestellten Gärtner, die sich hinlänglich auch Hilfe aus dem Dorf für die ganz groben Arbeiten holen müssen.
Außerdem lernt Hedda Thomas Clarenburg, der Tommy gerufen wird, im Garten kennen. Hedda kann mit Kindern nichts anfangen, aber dem 11 Jahre alten Tommy, dem Ältesten der fünf Clarenburg-Kinder, scheint ihre etwas barsche Art nichts auszumachen. Zwischen ihnen entwickelt sich eine lebenslange Freundschaft, wie wir gleich zu Anfang erfahren. Anders sieht es mit der Gattin ihres Arbeitgebers aus. Sie scheint mit Hedda nicht einig, und aus ihren Reden spritzt so einiges Gift.
In einer sehr stürmischen Nacht bekommt Hedda Besuch von Lorenz Vidal. Ab diesem Zeitpunkt sieht ihr Leben ein wenig anders aus. All ihre Gefühle schreibt sie nun, so oft es geht, ihrer einzigen Freundin Lizzy nach England. Lizzy, Ehefrau und Mutter, warnt Hedda. Die Rufe verhallen. Gegen die Liebe ist kein Kraut gewachsen. Hedda muss sich eingestehen, dass sie Lorenz inzwischen liebt. Dass dieser Frau und vier Söhne hat, geht Hedda doch eigentlich gar nichts an; oder?
Lorenz ist es, der damit zusehends ein Problem hat.
1914
Die Gärtner müssen in den Krieg. Einzig Jost Vidal darf altersbedingt zu Hause bleiben. Er ermuntert Hedda, an die Front zu schreiben. Er erkennt ihr geistiges Potenzial und weiß, dass sie seinem Sohn guttut. Obwohl Lorenz einen Schlussstrich unter die Beziehung setzen wollte, verschickt sie ihre Briefe.
Die Planungen für Rosen und andere schöne Gewächse müssen warten. Große Felder werden nun angelegt für Kartoffeln und Gemüse, damit die Familie einigermaßen über die Kriegsjahre kommt. Die Bank schafft es, die Gärtner schaffen es, nur Lorenz Vidal nicht.
Hedda braucht Jahre, um über den Verlust hinwegzukommen. Endlich können die Gemüsebeete weichen und der längst geplante Rosengarten entsteht. Tommy macht eine Banklehre in New York. Gelegentlich kommt er nach Hause. Dies sind Freudentage für Hedda.
Sie lernt Ben Michaelis kennen. Er ist ein enger Freund der Familie Clarenburg. Mit ihm hat sie eine lockere Beziehung. Er kommt nur ganz selten nach Hamburg. Eines Tages bringt er ihr die kleine Hannah mit. Das Mädchen musste mit ansehen, wie die Nazis ihren Vater erschlagen, ihre Mutter vergewaltigt und verschleppt haben.
Die Zeiten haben sich geändert. Allmählich bekommt auch Hedda in ihrer Abgeschiedenheit Angst, doch sie und auch Ludwig Clarenburg kleben. Ludwig will, obwohl er inzwischen keinerlei Rechte mehr hat, denen helfen, denen es noch viel schlechter geht. Hedda kann unmöglich ihren Garten verlassen. Hannah, inzwischen 16 Jahre alt, geht in den Kibbuz. Von Lizzy und von Ben wird Hedda ständig bedrängt, doch endlich Nazideutschland zu verlassen. Auch Ludwig hört täglich das Bitten und Flehen seiner sonst so starken Frau, welche inzwischen ein recht gutes Verhältnis zu Hedda entwickelt hat. Sie ist einsam. Die Kinder sind aus dem Haus. Sie erkennt, dass Hedda nie eine Gefahr für ihre Ehe darstellte. Fast in letzter Minute erkennen Hedda und die Clarenburgs, wie groß die Gefahr ist, im Land zu bleiben.