Nachkriegsgeschichte aufgearbeitet
Das Covervon Zurück unter Mördern vermittelt bereits auf den ersten Blick die düstere, historische Atmosphäre des Romans. Die Gestaltung wirkt ernst, zurückhaltend und zugleich eindringlich - genau passend zu einem Buch, das sich mit den Schatten der Vergangenheit und den Nachwirkungen nationalsozialistischer Verbrechen beschäftigt. Es weckt Neugier, ohne Effekthascherei zu betreiben, und stimmt hervorragend auf die Thematik ein. Inhalt:Michael Jensen erzählt einen historischen Kriminalroman, der auf zwei Zeitebenen spielt:Hamburg 1950, wo der ehemalige Jura-Student Henry Mahler als frisch ernannter Privatermittler zwei Aufträge erhält:Die Umstände des Verkaufs der Kaffeehandelsfirma der jüdischen Familie Lassally während der NS-Zeit zu prüfen.Herauszufinden, ob der angebliche Selbstmord des Familienoberhaupts Eduard Lassally tatsächlich ein Mord war.Die 1930er und 1940er Jahre, in denen die Leser*innen miterleben, wie die angesehene Familie Lassally systematisch gedemütigt, entrechtet, enteignet und schließlich zerstört wird. Besonders Oswald Lassallys Schicksal - Verlust seines Berufs, Inhaftierung wegen "Rassenschande", Flucht nach Südamerika - steht im Mittelpunkt.Jensen verwebt diese beiden Ebenen zu einer dichten, atmosphärischen Geschichte über Schuld, Verantwortung und die erschreckende Kontinuität nationalsozialistischer Netzwerke in der Nachkriegszeit. Die Recherche ist präzise, die historischen Hintergründe sind authentisch und bedrückend.Während Henry Mahler sich vom gebrochenen Mann zum entschlossenen Ermittler entwickelt, stößt er auf Widerstände, alte Seilschaften und eine Gesellschaft, die lieber verdrängt als aufarbeitet. Die Spannung steigert sich besonders im letzten Drittel, wo der Roman stellenweise thrillerartige Züge annimmt.Meinung:Zurück unter Mördern ist kein Buch, das man "mal eben" wegliest - und genau das macht es so stark. Die Themen sind schwer, unbequem und emotional fordernd. Jensen gelingt es jedoch, sie mit einem ruhigen, eindringlichen Schreibstil zu transportieren, der berührt, ohne zu überfordern.Besonders beeindruckend ist die Fokussierung auf ein Einzelschicksal: Die Geschichte der Familie Lassally macht die abstrakten Schrecken der NS-Zeit greifbar und menschlich. Die Darstellung der Nachkriegsjahre - geprägt von Täter-Opfer-Umkehr, mangelndem Unrechtsbewusstsein und fortbestehenden Netzwerken - wirkt erschütternd realistisch.Die Figuren sind sorgfältig ausgearbeitet, vor allem Henry Mahler, dessen persönlicher Abstieg und moralische Entwicklung den Roman tragen. Die Ermittlungsarbeit nimmt erst im zweiten Teil Fahrt auf, doch diese langsame Annäherung passt zur Schwere des Themas.Ein kleiner Kritikpunkt: Manche Szenen im letzten Drittel geraten etwas zu drastisch, was nicht jeder Leserin mögen wird. Dennoch bleibt der Roman glaubwürdig und intensiv.FazitZurück unter Mördern ist ein hervorragend recherchierter, atmosphärisch dichter historischer Kriminalroman, der weit über das Genre hinausreicht. Er verbindet spannende Ermittlungsarbeit mit einer tief bewegenden Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und ihren Nachwirkungen.Wer Krimis mit historischem Setting liebt, wer sich für deutsche Geschichte interessiert oder wer Bücher sucht, die zum Nachdenken anregen und lange nachhallen, wird hier fündig.Eine klare Leseempfehlung - und mit 4,5 von 5 Sternen ein beeindruckendes Werk, das noch lange nachwirkt.