modern, überraschend, temporeich - kein klassischer Krimi, aber dunkler Humor, der viel über Nigeria zwischen Moderne und Tradition erzählt
Oyinkan Braithwaites "Meine Schwester, die Serienmörderin" ist ein außergewöhnliches Debüt, das mich mit seiner Mischung aus schwarzem Humor, psychologischer Spannung und gesellschaftlicher Beobachtung überzeugt hat. Die in Lagos geborene Autorin wuchs in London und Nigeria auf und studierte kreatives Schreiben. Mit ihrem ersten Roman beweist sie ein bemerkenswertes Gespür für präzise Sprache, pointierte Charaktere und eine Geschichte, die weit über einen klassischen Kriminalroman hinausgeht.Auf den ersten Blick erzählt der nur gut 200 Seiten umfassende Roman von einem makabren Geheimnis: Die introvertierte und sensible Krankenschwester Korede muss immer wieder die Spuren beseitigen, die ihre bildschöne jüngere Schwester Ayoola nach ihren Morden hinterlässt. Ayoola hat die Angewohnheit, die Männer zu töten, mit denen sie sich verabredet - und Korede wird dadurch unfreiwillig zu ihrer Helferin und Mitwisserin.Doch der Roman ist nicht einfach eine Geschichte über Mord. Braithwaite nutzt diese ungewöhnliche Ausgangslage, um über familiäre Verpflichtungen, die Folgen von Traumata, die Privilegien durch Schönheit und die Frage nachzudenken, wie weit wir bereit sind, moralische Grenzen für die Menschen zu verschieben, die wir lieben. Die Beziehung der beiden Schwestern ist dabei ebenso verstörend wie faszinierend: geprägt von Loyalität, Abhängigkeit und einer schwesterlichen Hingabe, die mich gleichermaßen gefesselt wie beunruhigt hat.Besonders beeindruckt hat mich die Figur der Korede. Ihre trockene, bissig-humorvolle Erzählstimme macht sie zu einer vielschichtigen Hauptfigur, deren innere Konflikte unmittelbar spürbar werden. Während sie als Krankenschwester fürsorglich für andere Menschen da ist, verliert sie zunehmend die Kontrolle über ihr eigenes Leben. Ihr Vertrauen zu dem im Koma liegenden Patienten Muhtar eröffnet zudem eine weitere, stille Ebene der Geschichte und zeigt Koredes Bedürfnis, endlich mit jemandem über ihre belastende Situation sprechen zu können.Braithwaite erzählt mit großer Prägnanz: Trotz der Kürze des Romans gelingt es ihr, eine eindringliche Geschichte mit facettenreichen Charakteren zu entwickeln. Die Figuren sind teilweise satirisch überzeichnet und driften ins Groteske ab, bleiben aber gerade dadurch besonders einprägsam. Der klare, direkte Schreibstil und die sehr kurzen Kapitel verleihen dem Roman ein hohes Tempo und erzeugen eine spürbare Dringlichkeit - passend zu Koredes verzweifelten Versuchen, die mörderischen Neigungen ihrer Schwester unter Kontrolle zu halten.Besonders gelungen ist auch die sprachliche und kulturelle Einbettung der Geschichte. Braithwaite verwendet zahlreiche Begriffe und Ausdrücke aus dem Yoruba, die vielen deutschen Leserinnen vermutlich nicht vertraut sein dürften. Diese sprachliche Vielfalt verleiht dem Roman Authentizität und Tiefe. Ich selbst konnte dabei auf die Unterstützung meines nigerianischen Mannes als Übersetzer zurückgreifen, für viele andere Leser*innen wäre ein kleines Glossar jedoch eine wertvolle Ergänzung gewesen, um die kulturellen Nuancen noch besser zu verstehen.Vor der pulsierenden Kulisse von Lagos verbindet Braithwaite einen spannenden Kriminalplot mit scharfer Gesellschaftskritik und einer ungewöhnlichen Familiengeschichte. Meine Schwester, die Serienmörderin ist kein typischer Krimi, sondern eine dicht gewebte Erzählung über Schuld, Loyalität und die komplizierten Grenzen zwischen Liebe und moralischem Versagen. Ein kluger, schwarzhumoriger und fesselnder Roman, den ich sehr gerne gelesen habe.