Peggy Patzschke taucht in Bis ans Meer tief in die Lebensgeschichte ihrer Großmutter und Mutter ein und erhält dafür den ZukunftErbe-Preis 2025.
Bei Eiseskälte flieht Frieda 1945 mit ihrer Tochter Erika aus Schlesien. Ab diesem Moment folgt die Erzählung in der Vergangenheit dem Lebensweg Friedas. Sie geht zurück in der Zeit, erkundet die Geschichte einer großen Liebe, die den Anspruch hatte, alle Zeiten zu überdauern. Der Glaube an die Liebe trägt Frieda durch das Entsetzen des Krieges, durch die Flucht, die Umsiedelungen, die Hilflosigkeit gegenüber den Russen, das Ankommen in Halle, den Bau der Mauer.
Immer wieder fällt die Erzählerin, ihre Enkelin, in der Gegenwart in die gleichen emotionalen Muster. Alles in ihr sträubt sich dagegen, Bindungen einzugehen, Nähe zuzulassen. Sie ist blockiert von irrationalen Ängsten. Langsam dämmert ihr, dass dies nicht ihre eigenen Ängste sind.
Peggy Patzschke erforscht eine Frage, die viele Frauen meiner Generation umtreibt: Die Weitergabe von Traumata über Generationen hinweg, tief manifestiert in unseren Verhaltensmustern und Narrativen. Die Geschichte errichtet Denkmäler für die Soldaten. Die Geschichte der Frauen bleibt vielfach ungehört.
Flucht und Vertreibung, körperliche Erniedrigungen, Hunger, Elend und Verzweiflung haften einer Generation an, die erst schwieg, um zu überleben und dann schwieg, weil der Schmerz zu groß war, um sich zu erinnern.
Spannend wie einen Thriller baut Peggy Patzschke ihren Roman auf, die Figuren werden lebendig, die Geschichte entfaltet Sog. Kreisläufe von Wut, Trauer und Einsamkeit zu durchbrechen beeinflusst unser heutiges Selbstverständnis maßgeblich. Bis ans Meer vermittelt eine klare Botschaft: Es geht vielen so, Du bist nicht allein, Fragen zu stellen ist wichtig und notwendig.
Leicht fliegt die Sprache durch die Zeiten. Bis ans Meer ist Unterhaltungsroman ohne zu hohen intellektuellen Anspruch, findet einen Ton, der ein großes Publikum erreicht. Das Buch gibt Denkanstöße und zeigt die gesellschaftliche Dimension von Trauerarbeit.