Solides, meist unterhaltsames, aber wenig ambitioniertes Finale, das mehr vom Erfolg der Reihe zehrt als eigene neue Akzente setzt.
Das Motto der Lesechallenge im November lautete: "Vervollständige eine Reihe und lies den letzten Band". Das war für mich geradezu ein Weckruf, denn schon seit vier Jahren liegt ein Rezensionsexemplar auf meinem SuB. Die Zukunft der besonderen Kinder ist der sechste und letzte Band von Ransom Riggs' Reihe "Die besonderen Kinder". Die ersten fünf Bände der Urban Fantasy-Saga habe ich zwischen Februar und Mai 2021 gelesen, als der sechste noch nicht auf Deutsch erhältlich war. Erst im Oktober 2021 erhielt ich diesen als Rezensionsexemplar zugeschickt. Da ich zu diesem Zeitpunkt aber bereits eine andere Reihe gelesen habe, landete das Buch auf meinem SuB und setzte dort Staub an. Die Challenge war ein metaphorischer Tritt in meinen Hintern, nun endlich mal den letzten Band einer Reihe zu lesen, die ich damals wirklich mochte. Doch es war anfangs gar nicht so leicht, mich an Nebenfiguren und Plot zu erinnern. Der 17-jährige Jacob Portman und die 15-jährige Noor Pradesh konnten entgegen ihrer Erwartungen mithilfe eines Expulsators der kollabierenden Zeitschleife der Hollowjägerin Velyana Greenshank, kurz V, entkommen. Sie erwachen im Haus von Jacobs verstorbenem Großvater, bei ihnen die Leiche von V, Noors Ziehmutter. Weil ein Hollowgast auf dem Grundstück wütet, verstecken sich die beiden mit dem Leichnam in Abrahams Bunker im Keller des Hauses. Dort nutzt Jacob ein computergestütztes Verteidigungssystem und einen unterirdischen Tunnel, um mit Noor zu Devil's Acre zu fliehen, auch wenn sie V zurücklassen müssen. In Miss Peregrines Obhut angekommen, taucht ein Hologramm von Caul vor den Ymbrynen und Besonderen auf. Er verspricht den Anwesenden eine hohe Belohnung, sollte jemand so mutig sein, Noor oder Jacob zu töten. Schlimm genug, dass der totgeglaubte Caul zurückgekehrt ist, doch um ihn aufzuhalten, muss Noor noch einmal mit ihrer toten Ziehmutter sprechen. Damit Enoch sie allerdings mithilfe von Nekromantie erwecken kann, muss Miss Peregrine Velyas Leiche aus dem Haus bergen, wobei die Ymbryne ihr Leben aufs Spiel setzt. "Lange Zeit ist um mich herum nur Dunkelheit, das Geräusch von entferntem Donner und das schemenhafte Gefühl, ich würde fallen.", ist der erste Satz des ersten Kapitels. Wieder einmal fungiert Jacob als Ich-Erzähler, der meist retrospektiv im Präteritum berichtet. Ich kann mich erinnern, dass der fünfte Band mit einem Cliffhanger endete, bei dem Jacob und Noor sich in einer zusammenfallenden Zeitschleife befanden, was eigentlich den Tod bedeutet. Doch mithilfe eines sogenannten Expulsators konnten sie sich in letzter Sekunde retten. Zwischen dem Ende von "Das Vermächtnis der besonderen Kinder" und dem Beginn dieses Buches sind also nur wenige Minuten bis maximal Stunden vergangen, doch bei mir waren es über vier Jahre. Deswegen ist es mir anfangs schwer gefallen, mich wieder in der Geschichte zu orientieren, doch je mehr ich gelesen habe, umso besser wurde es. Aus diesem Grund möchte ich diese Rezension auch nutzen, um ein paar Erinnerungen und Begriffe aufzufrischen, die jenen Lesern, die ebenfalls eine längere Lesepause hinter sich haben, helfen können.Zuerst wäre da die weibliche Hauptfigur Noor Pradesh. Sie tritt erstmals im vierten Band "Der Atlas der besonderen Kinder" auf und ist eine 15-jährige Besondere, die indische Wurzeln hat. Sie ist eine sogenannte Lichtesserin, deren besondere Fähigkeit es ist, Licht zu absorbieren und freizusetzen. Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie von der Hollowjägerin Velya Greenshank, kurz V, adoptiert und großgezogen, welche am Ende des fünften Bandes durch einen Angriff von Wights verstirbt. Noors indische Herkunft ist ihr anzusehen. Sie hat schwarzes, glattes Haar und ist für ein Mädchen relativ groß. Laut Jacob hat sie ein hübsches Gesicht, zwischen den beiden entwickelt sich mit der Zeit auch eine vorsichtige Romanze. Noor ist ein kluges, tapferes und ehrliches Mädchen, zu der ich aber nie einen besonderen Bezug gefunden habe. Sie ist durchaus liebenswürdig, aber hat eigentlich keine außergewöhnlichen Charaktereigenschaften, die sie aus der Menge der Besonderen hervorhebt. Abgesehen davon, dass sie zu den Auserwählten der Prophezeiung gehört, bleibt sie für meinen Geschmack doch etwas zu gesichtslos, auch weil es kein Foto von ihr gibt, das in das Buch eingebettet wird.Riggs' Schreibstil ist cineastisch und bildhaft. Die Sprache ist modern und teilweise erfrischend humorvoll, bspw. als Emma, die im Viktorianischen Zeitalter geboren wurde, bei ihrem Aufenthalt im zeitgenössischen London fragt, was zur Hölle ein Veganer sein soll. Die Atmosphäre ist meist geheimnisvoll und düster, wobei die Spannung schwankend ist. Gerade in der ersten Hälfte des Buches passiert nicht wirklich viel und man könnte die Handlung in wenigen Sätzen zusammenfassen. Erst in der zweiten Hälfte der über 500 Seiten und 25 Kapitel kommt Fahrt auf. Die Dialoge sind lebhaft, weshalb sich das Tempo trotzdem nur selten schleppend anfühlt. Was Riggs' Bücher so einzigartig macht, ist die Integration historischer Fotografien mit teils ungewöhnlichen Motiven wie einem Panzer, einem Jungen ohne Mund oder einer alten Frau mit einem verbundenen Arm in einem Raum voller Jagdtrophäen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Riggs' bei seiner Fotosammlung sein Pulver bereits verschossen hat und die wirklich außergewöhnlichen Fotografien bereits bei den Vorgängern eingesetzt hat.Da einige von euch vielleicht auch das Problem haben werden, nach längerer Zeit wieder in der Geschichte Fuß zu fassen, nenne ich hier kurz die wichtigsten Besonderen-Begriffe. Ymbrynen sind weibliche Besondere, die Zeitschleifen erschaffen, zurücksetzen und schließen können. Sie sind außerdem Gestaltwandlerinnen, die sich in unterschiedliche Vogelarten verwandeln können. Zudem können sie die Erinnerungen von Normalen präzise löschen und benötigen nur etwa zwei Stunden Schlaf pro Tag. Zu den bekanntesten Ymbrynen gehören Miss Peregrine, Miss Avocet und Miss Wren. In diesem Band kommen noch Miss Tern, Miss Hawksbill und Miss Petrel dazu. Hollowgasts, kurz Hollows, sind Monster mit drei Zungen, die aus grausamen Experimenten im Jahr 1908 hervorgegangen sind. Normale Hollows sind unsichtbar, doch in diesem Band tauchen neuartige Hollows auf, die von allen Besonderen gesehen werden können, noch deutlich stärker sind und sogar vier Zungen haben. Wights sind die humanoiden Bösewichte dieser Reihe, die sich aus Hollowgasts weiterentwickelt haben, indem sie Fleisch von Besonderen verspeist haben. Man kann sie von Menschen unterscheiden, indem man ihnen in die Augen schaut, denn Wights haben weder Iris noch Pupille, sondern nur milchigweiße Augäpfel, weshalb sie häufig Sonnenbrillen tragen, um dies zu kaschieren. Sie besitzen keine besonderen Fähigkeiten und meistens keine Erinnerungen an ihr Leben als Hollow. Zu den bekanntesten Wights gehören Caul, Percival Murnau und Horatio.Leider gibt es in "Die Zukunft der besonderen Kinder" immer wieder kleinere Fehler, über die man als Leser ab und an stolpert. Das ist hier kein Novum, sondern zieht sich seit dem zweiten Band wie ein schleimiger Regenwurm durch die Buchreihe. Seien es kleinere Tipp- oder Schreibfehler, wie dass Nebenfiguren wie Angelica plötzlich einmalig "Angelika" (S. 112) heißen oder Amos Dextaire "Amos Dextiare" (S. 144). Dass "Blut über [...] die Arme ran" (S. 122) und nicht rann. Dass "Besondere [...] Blauschimmelkäse aus Grundnahrungsmittel ansehen" (S. 195) und nicht als. Dass etwas "an den grünen Himmel profiziert" (S. 226) und nicht projiziert wird. Dass "As im Ärmel" (S. 443) erst falsch und wenige Seiten später als "Ass im Ärmel" (S. 454) dann doch richtig geschrieben wird. Versteht mich nicht falsch, solche Fehler können passieren. Aber für ein vermeintlich fertiges Buch sind es hier eindeutig zu viele. Darüber kann auch das außergewöhnlich hübsche Layout nicht hinweg täuschen. Auch inhaltlich gibt es immer wieder fragwürdige Stellen. So wird z.B. erzählt, dass die Ymbrynen Miss Tern und Miss Hawksbill leibliche Schwestern seien. Warum haben sie dann aber unterschiedliche Nachnamen? Ymbrynen heiraten nicht und legen damit ihre Geburtsnamen nie ab, trotzdem wird diese offensichtliche Frage von niemandem gestellt. Ein anderes Beispiel ist die Szene, in der Jacob mit einigen Besonderen durch eine Zeitschleife ins Jahr 1916 reist und dort in einen Panzer steigt. Dabei beschreibt er "das Innere eines Panzers aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs" (S. 350). Blöd nur, dass 1916 der Erste Weltkrieg stattfand. Dies sind nur ein paar Beispiele dafür, dass das Buch durchaus mehr Feinschliff gebraucht hätte.Insgesamt gibt es hier viele Parallelen zum dritten Band: Caul ist wieder da und muss nun ein weiteres Mal bezwungen werde, obwohl ich nicht verstehe, warum Riggs nicht einfach einen neuen Antagonisten aufmacht, anstatt den bereits besiegten wieder aus der Mottenkiste zu holen. Jacob hat Probleme, die neuartigen Hollows zu kontrollieren und allgemein hat man hier das starke Gefühl, dass das Rad nicht neu erfunden wird. Auch das Ende ist sehr vorhersehbar, trotzdem gibt es im Finale immer wieder spannende Momente. Zwar ist die zweite Trilogie eine nette Geschichte, allerdings merkt man, dass sie aufgrund des großen kommerziellen Erfolgs entstanden ist und nicht, weil Riggs hier noch einen genialen Plot für eine Fortsetzung in petto hatte. Riggs versucht, Caul als eine unüberwindbare Bedrohung zu inszenieren, scheitert aber daran, Figuren in der Schlacht sterben zu lassen. Und falls doch mal jemand stirbt, ist es eine unbedeutende Nebenfigur, um die im Anschluss nicht einmal getrauert wird. Generell verschwinden manche Figuren wie Addison erzählerisch einfach und tauchen auch auf der letzten Seite des Buches nicht mehr auf, weil sie nicht länger wichtig sind. Oder die groß inszenierte Prophezeiung über sieben Auserwählte hat schlussendlich gar keine Relevanz mehr und verläuft im Sande."Die Zukunft der besonderen Kinder" schließt die zweite Trilogie mit vertrauten Motiven, stimmungsvoller Atmosphäre und spannenden Momenten ab, leidet jedoch deutlich unter erzählerischer Wiederholung, mangelndem Mut zu echten Konsequenzen und einer auffälligen Häufung formaler wie inhaltlicher Fehler. Zwar gelingt es Ransom Riggs dank seines bildhaften und cineastischen Stils, die Geschichte trotz Längen lesbar zu halten, doch wirkt der Plot über weite Strecken uninspiriert, der Antagonist unnötig recycelt und neue Figuren wie Noor bleiben überraschend blass. Insgesamt ist der sechste Band ein solides, meist unterhaltsames, aber wenig ambitioniertes Finale, das mehr vom Erfolg der Reihe zehrt als eigene neue Akzente setzt. Trotz teilweise negativer Kritik habe das Wiedersehen mit Jacob, Miss Peregrine und den anderen Figuren genossen. Deswegen bekommt das Jugendbuch aus dem Jahr 2021 von mir gerade noch drei von fünf Federn. Noch einmal herzlichen Dank an Droemer Knaur für das Rezensionsexemplar!