Furiose gesellschaftskritische NearFuture-Dystopie
Don ist wütend und weiß nicht warum. Beziehungsweise weiß sie es schon, kann es mit sieben Jahren aber noch nicht in Worte fassen. Karen fürchtet, in einer von Männern dominierten Welt unsichtbar zu werden. Hannah verliert mit dem Tod ihrer Eltern ihren Halt und Peter erst seine Heimat, dann seine Unschuld und schließlich seine Mutter.Währenddessen gerät Großbritannien durch Brexit, Klimawandel, fehlgeleiteten Nationalstolz und Hetze gegen alles, was sich gerade anbietet, immer weiter an den Abgrund und reißt alle mit sich. Am Ende spielt es keine Rolle mehr, welchen Beruf man ausübt oder welchen Familienstand man hat. Jeder ist ersetzbar, niemand individuell genug, jeder kämpft nur noch für sich - ohne Sinn und Verstand. Ich hatte auf Instagram eine Empfehlung zu diesem Roman gelesen. Der Beitrag enthielt allerdings den Hinweis, zunächst die Leseprobe auszuprobieren. Das habe ich natürlich nicht gemacht - und muss rückblickend sagen, dass diese Form der Gesellschaftskritik sicher nicht jedermanns Sache ist. Es ist nicht nur der sehr individuelle Schreibstil, sondern auch die Vielzahl an Figuren und die fehlende Kapitelaufteilung, die manchen Leser abschrecken dürfte. Wobei es durchaus eine Art Gliederung gibt: Sibylle Berg springt in Satzfragmenten von einem Protagonisten zum nächsten - wortweise, nicht satzweise. Mit ihrer Art des Schreibens zwingt sie den Leser, permanent am Ball zu bleiben. Es ist nichts, was man abends nebenher konsumieren kann. Auch die offene, unverblümte Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt, dürfte nicht jedem gefallen. Wer sich jedoch darauf einlässt, den erwartet eine Dystopie in ihren schlimmsten (un)menschlichen Facetten und die Erkenntnis, dass wir Menschen uns oft selbst der größte Feind sind. Mich hat der Roman verstört zurückgelassen. 4 von 5 Sternen. Schreibstil 3 (5), Charaktere 3 (5), Dialoge 4 (5), Plot 3 (5), Struktur 2 (5), Atmosphäre 4 (5), Technische Qualität 5 (5), Originalität 4 (5), Emotionale Wirkung 3 (5)Gesamtwertung: 31 (45) Der Roman "GRM" erschien am 11.04.2019 beim KiWi-Verlag.