¿ Bobby Dollar als Jack Reacher mit himmlischem Auftrag: Witzig, spannend und actionreich - eine herrlich ungewöhnliche Urban Fantasy ¿¿
¿ Mein GesamteindruckDie dunklen Gassen des Himmels war für mich eine herrlich erfrischende Urban Fantasy, die sich angenehm von den üblichen Engel-und-Dämonen-Geschichten abhebt. Tad Williams kombiniert einen spannenden Kriminalfall mit einer ungewöhnlichen Himmels- und Höllenmythologie, trockenem Humor und einem Protagonisten, der so gar nicht dem klassischen Engelbild entspricht.Bobby Dollar flucht, hinterfragt Autoritäten, schießt sich regelmäßig in Schwierigkeiten und besitzt trotzdem ein Herz am rechten Fleck. Genau diese Widersprüche machen ihn zu einer großartigen Hauptfigur. Besonders gefallen haben mir die direkte Leseransprache, der sarkastische Ton und die originellen Ideen rund um die himmlischen Anwälte. Zwar braucht die Geschichte etwas Anlauf und verliert sich stellenweise in Erklärungen oder etwas übertriebener Action, insgesamt entwickelt sie aber einen enormen Sog. Für mich ist das eine der originellsten Urban-Fantasy-Geschichten der letzten Jahre und ein Auftakt, der sofort Lust auf die Fortsetzung macht. ¿¿¿Stärken Originelle Idee mit Engeln als AnwältenGelungene Mischung aus Urban Fantasy und KrimiViel trockener Humor, Sarkasmus und WortwitzFlotter, angenehmer SchreibstilBobby Dollar als großartiger AntiheldDirekte Leseransprache und Durchbrechen der vierten WandKreative Welt zwischen Himmel, Hölle und ErdeSkurrile und abwechslungsreiche NebenfigurenHohes ErzähltempoRegt trotz Humor zum Nachdenken an¿SchwächenEtwas verwirrender EinstiegEinige erklärende Passagen wirken etwas langAction stellenweise leicht überzogenDas Finale fiel etwas unspektakulär ausEinige Handlungsstränge wirken zeitweise etwas überladen Meine Eindrücke beim LesenSchon die Grundidee hat mich sofort begeistert. Engel und Dämonen gibt es in der Fantasy zwar nicht gerade selten, aber Tad Williams verpasst dem Ganzen einen völlig neuen Anstrich. Statt strahlender Lichtgestalten begegnet man Anwälten des Himmels, die fluchen, trinken, schießen und sich moralisch längst nicht immer eindeutig verhalten. Gerade dieses bewusste Zertrümmern der klassischen Engelklischees hat mir unglaublich gut gefallen. ¿Bobby Dollar war für mich das absolute Highlight des Romans. Er ist schlagfertig, sarkastisch, manchmal ein echtes Großmaul und hinterfragt ständig Regeln und Autoritäten. Gleichzeitig merkt man schnell, dass unter der rauen Schale ein guter Kern steckt. Diese Mischung hat mich ein wenig an Bartimäus aus der Bartimäus-Reihe erinnert, stellenweise aber auch an klassische Hard-boiled-Detektive wie Jack Reacher. Gerade weil Bobby nicht der typische Held ist, sondern Fehler macht und auch mal völlig unüberlegt handelt, wirkte er auf mich sehr lebendig.Richtig Spaß gemacht hat mir außerdem die Erzählweise. Durch die Ich-Perspektive und die direkte Ansprache des Lesers hatte ich oft das Gefühl, Bobby würde mir seine Geschichte persönlich erzählen. Dieses Durchbrechen der vierten Wand passt hervorragend zu seinem ironischen Humor und lockert die Handlung zusätzlich auf.Auch die Mischung der Genres hat für mich hervorragend funktioniert. Eigentlich ist es weniger klassische Fantasy als vielmehr ein Kriminalroman im Urban Fantasy Setting. Die verschwundenen Seelen, die Ermittlungen und die Intrigen zwischen Himmel und Hölle haben mich schnell gepackt. Dabei bleibt lange offen, wem überhaupt zu trauen ist.Besonders gelungen fand ich außerdem die Gestaltung des Himmels. Die Beschreibungen waren gleichzeitig bildhaft und angenehm diffus, fast traumartig. Genau dieses Gefühl wollte der Autor offensichtlich erzeugen und bei mir hat das hervorragend funktioniert.Die Liebesgeschichte zwischen Bobby Dollar und der Dämonin Casimira Gräfin von Coldhand hat mir tatsächlich richtig gut gefallen. Klar, Engel verliebt sich in Dämonin - das klingt erst einmal nach einem bekannten Muster. Tad Williams gelingt es aber, der Beziehung genug Reibung und Charme zu verleihen, damit sie sich nie wie ein aufgesetzter Nebenplot anfühlt. Casimira ist schlagfertig, geheimnisvoll und alles andere als die klassische Damsel in Distress (obwohl sie es ist). Gerade weil beide auf unterschiedlichen Seiten stehen und sich nie ganz vertrauen können, entsteht eine spannende Dynamik. Zwischen all den Schießereien, Intrigen und Ermittlungen waren ihre gemeinsamen Szenen immer wieder kleine Ruhepole, die Bobby zudem eine deutlich verletzlichere Seite verliehen.Mindestens genauso viel Spaß wie Bobby selbst haben mir die Nebenfiguren gemacht. Samariel (Sam) ist als treuer Freund ein wunderbarer Gegenpol zu Bobby und sorgt immer wieder für gelungene Momente. Auch Sweetheart bleibt mit seiner völlig ungewöhnlichen Art lange im Gedächtnis und zeigt eindrucksvoll, wie konsequent Tad Williams mit den klassischen Engelklischees bricht. Und Monika als Ex-Geliebte und gute Freundin ist eine weitere coole weibliche Figur in der Story. Überhaupt sind sowohl die Engel als auch die Dämonen herrlich skurril, haben Ecken und Kanten und lassen sich nur selten eindeutig einer Seite zuordnen. Dadurch wirkt die Welt angenehm lebendig und unberechenbar. Statt austauschbarer Nebencharaktere bekommt man Figuren, die ihre ganz eigenen Macken, Motive und Überraschungen mitbringen - und genau das macht den Reiz dieser Geschichte zusätzlich aus.Ganz ohne Kritik kommt das Buch allerdings nicht aus. Der Einstieg war für mich zunächst etwas verwirrend, weil viele Abläufe der Welt erst nach und nach erklärt werden. Das legt sich zwar recht schnell, verlangt aber etwas Geduld. Zwischendurch gibt es außerdem einige längere Erklärungen, die das Tempo etwas ausbremsen. Auch die Action wird stellenweise ziemlich überdreht und das Finale wirkte im Vergleich zum starken Aufbau etwas zu einfach gelöst.Unterm Strich hat das meinen Lesespaß aber kaum geschmälert. Die originelle Welt, der herrlich trockene Humor, die skurrilen Figuren und Bobby Dollar als außergewöhnlicher Protagonist haben mich bestens unterhalten. Für mich zählt dieser Auftakt ganz klar zu den besten Urban-Fantasy-Romanen, die ich in letzter Zeit gelesen habe. ¿¿¿¿¿Fazit & EmpfehlungDie dunklen Gassen des Himmels ist keine klassische Engelgeschichte und auch keine typische Fantasy. Stattdessen erwartet einen eine ungewöhnliche Mischung aus Urban Fantasy, Krimi, Thriller und jeder Menge schwarzem Humor. Wer einen originellen Antihelden, clevere Dialoge, rasante Action und eine gehörige Portion Sarkasmus mag, wird mit Bobby Dollar viel Freude haben. Kleinere Schwächen beim Einstieg und im Finale ändern nichts daran, dass Tad Williams hier einen außergewöhnlichen Reihenauftakt gelungen ist. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung. ¿¿¿