Eine dichte, fast schon unangenehme Novelle über Obsession, Altern und den schmalen Grat zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Das Ganze vor der schwülen, leicht heruntergekommenen Kulisse von Venedig, die immer mehr zum Spiegel des Inneren wird.Die Story: Gustav von Aschenbach, ein disziplinierter Schriftsteller, reist zur Erholung nach Venedig - und verliert sich dort komplett. Grund dafür ist der junge Tadzio, dessen Schönheit ihn immer mehr in den Bann zieht. Aus stiller Bewunderung wird schnell eine Obsession. Währenddessen liegt eine seltsame, kranke Stimmung über der Stadt, die Aschenbach zwar wahrnimmt, aber ignoriert.Viel passiert äußerlich nicht - der Fokus liegt klar auf dem Inneren. Und genau das ist auch die Stärke: dieses langsame Abrutschen, dieses sich selbst Verlieren. Das ist intensiv, stellenweise auch echt beklemmend.Tadzio bleibt dabei bewusst entrückt und fast schon unwirklich - weniger als klassische Figur, mehr als Projektionsfläche für Aschenbachs Sehnsucht. Das passt sehr gut zur Geschichte und verstärkt diese distanzierte, leicht surreale Wirkung. Gleichzeitig lassen sich durchaus autobiografische Tendenzen erkennen - gerade in der Figur des alternden Künstlers und seiner Faszination für jugendliche Schönheit, was dem Ganzen noch eine zusätzliche, fast intime Ebene gibt.Trotzdem: kein leichtes Buch, aber eins, das hängen bleibt. Für mich 4/5 Sterne und eine klare Empfehlung für alle, die eher auf Atmosphäre und Psychologie stehen als auf viel Handlung.