Starker AURIS-Abschluss mit brillanten Enthüllungen. Nur das Finale kippt für meinen Geschmack ins Überdrehte.
Vincent Kliesch schließt mit "Puls der Angst" die AURIS-Reihe ab, die er nach den Ideen seines Freundes Sebastian Fitzek über sechs Bände hinweg zu einem echten Phänomen der deutschsprachigen Thriller-Landschaft gemacht hat. Wichtiger Hinweis vorab: Dieser finale Band setzt Kenntnis der vorherigen fünf Bände voraus. Wer neu einsteigt, sollte unbedingt mit "AURIS" Band 1 beginnen, sonst geht viel emotionaler Nachhall verloren.Sechs Bände lang habe ich Jula Ansorge begleitet, gemeinsam mit Matthias Hegel, dem forensischen Phonetiker mit absolutem Gehör, der Verbrechen an mikroskopischen Klangnuancen erkennt. Nun bricht am Krankenhausbett des schwerverletzten Vaters eine erste große Wahrheit hervor. Julas Mutter, jahrelang dement geglaubt, ist plötzlich hellwach, scharfsinnig und getrieben von Rache. Kurz darauf werden sowohl Hegel als auch die Mutter vergiftet, und die dahinterstehenden Terroristen stellen Jula vor eine unmögliche Wahl. Nur eine einzige Dosis Gegengift, ein Preis, den kein Mensch zahlen sollte, und die Erkenntnis, dass Hegels Rolle in Julas Vergangenheit weit tiefer reicht, als sie ahnen konnte.Am stärksten gepackt hat mich der Twist um die vorgetäuschte Demenz. Vincent Kliesch inszeniert diese Enthüllung erzählerisch brillant. Alle Szenen mit der Mutter in den früheren Bänden bekommen rückwirkend ein neues Gewicht. Wir Leser:innen müssen unsere eigene Bereitschaft prüfen, dementen Menschen etwas zuzutrauen, und das ist psychologisch klug gedacht. Auch die Enthüllung um Hegels wahre Verbindung zu Julas Familie funktioniert, weil über sechs Bände hinweg leise Hinweise gesät wurden, die im Nachhinein plötzlich Sinn ergeben. Diese Konsequenz zeigt, wie sorgfältig die Reihe angelegt war.Vincent Kliesch beherrscht sein Handwerk. Die Charakterentwicklung Julas ist über die Reihe hinweg glaubwürdig, das Konzept der forensischen Phonetik bleibt ein echtes Alleinstellungsmerkmal der deutschen Thriller-Landschaft, und die Berlin-Verortung passt zum akustischen Grundton der Reihe.Trotzdem muss ich ehrlich sagen, dass mir das Finale zu drüber ist. Terroristen, unmögliche Gegengift-Wahl, moralische Zwangslagen im Comic-Format, das Undenkbare, zu dem Hegel bereit ist, all das wirkt für mich zu sehr nach Hollywood-Blockbuster und weniger nach der eher geerdeten, psychologisch fein austarierten AURIS-Welt, die ich lieben gelernt habe. Die vorgetäuschte Demenz allein hätte einen ganzen Roman getragen, ebenso die Enthüllung um Hegel. Zusammen mit der Terroristen-Handlung wird es mir schlicht zu viel. Auch die akustische Forensik, das Herzstück der Reihe, tritt im Finale zu weit in den Hintergrund, und manche emotionalen Momente werden von der nächsten Eskalation überrollt, bevor sie sich setzen können.Für Reihen-Fans trotzdem eine klare Empfehlung. "Puls der Angst" ist ein würdiger, spannender Abschluss mit zwei richtig starken Twists und einer emotional stimmigen Retrospektive auf sechs Bände. Nur der Bombast am Ende hat mich einen Stern gekostet.