Erschreckend moderner Essay über die vielfältige Unterdrückung der Frau und wie diese ihr Schreiben beeinflusst.
Da der Essay auf zwei Vorträgen basiert, erwartete ich eine leichtere Lektüre, die zudem klarer auf den Punkt bring, worum es der Autorin geht. Doch weit gefehlt. Zwar stechen einige Sätze daraus glasklar hervor, wie der berühmte Satz: "Eine Frau muss Geld und einen Raum für sich haben, um Literatur zu verfassen." (S. 6) Dennoch liebt V. Woolf das Abschweifen, das Mäandern, das Gedankenspiel. Das ist Hürde und Reiz zugleich. So ist aus ursprünglich einem Vortrag ein 160 Seiten langer Text geworden, ein Plädoyer für die Gleichsetzung der Frau in ihren Rechten, Aufgaben, Bildungsmöglichkeiten, Freiheiten, ihrem Ansehen und der intellektuellen Wertschätzung. Und während schreibenden Männern die "Gleichgültigkeit der Welt" entgegen schlägt, die nicht auf ihre Texte wartet, schlägt schreibenden Frauen gar die "Feindseligkeit der Welt" entgegen (S. 74). Sie sinniert darüber, was Menschen zum Schreiben verleitet, welche Hindernisse sich ihnen stellen und wie die Welt auf das Geschriebene reagiert. Sie führt aus, wie sehr die Binarität der Geschlechter das gesellschaftliche Leben bestimmt: "Kein Zeitalter war wohl je geschlechtsfixierter als das unsere" (S. 138) und entwirft als perfekten Autor eine nonbinäre Persona, die weibliche und männliche Anteile in sich vereine. Als berühmte Beispiele für diese Art Genies nennt sie Shakespeare und Proust (S. 145). Woolf erweist sich als Verfechterin der Aufhebung von Geschlechtergrenzen und ihr Essay wird zum feministischen Pamphlet. Sie macht allen Frauen Mut, zu schreiben als Ausdruck ihres freien Denkens, der eigenen Persönlichkeit und der Achtsamkeit des Augenblicks, womit sie sich in Beziehung zur Realität stellt und sich gleichsam von ihrer Beziehung zur Welt der Männer befreit. Und selbst wenn es ihr nicht gelänge, große Literatur zu erschaffen, so sei ihre geschriebene Stimme Vorspiel noch kommender Poesie, jede Schriftstellerin sei "Erbin als auch Erzeugerin" und somit wichtiger Bestandteil möglicher großer Literatur (S. 153). Noch heute, 98 Jahre später, vermag Virginia Woolf es, unsere Mentorin zu sein - was leider auch zeigt, dass sich weitaus weniger getan hat in den letzten Jahrzehnten, als sie sich gewünscht hätte.