Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin wurde am 15. Juli 1892 in eine wohlhabende, assimiliert-jüdische Großbürgerfamilie in Berlin geboren und verbrachte hier eine wohlbehütete Kindheit. Dort besuchte er auch das Gymnasium und machte im Jahr 1912 sein Abitur.
In den 1930er Jahren schrieb Benjamin seine Kindheitserinnerungen auf, die dann posthum 1950 unter dem Titel Berliner Kindheit um Neunzehnhundert erschienen. Sie liegen nun in Reclams Universal-Bibliothek vor. Es ist eine Sammlung von 30 Miniaturen oder Prosaskizzen, in denen ein oder mehrere Ereignisse aus der Berliner Kindheit nach über dreißig Jahren festgehalten werden. Dabei machen sich die Erinnerungen oft an Kleinigkeiten fest. Ob der Blick in einen Berliner Innenhof, der Weihnachtsmarkt oder der Besuch einer Bibliothek - sofort kommen die Erinnerungen aus der Kindheit auf.
Benjamin erzählt von der jugendlichen Schmetterlingsjagd, vom Gartenpavillon der Eltern, von den Kaufmannsbesuchen mit der Mutter, von seinen ersten Leseerlebnissen, vom Militärorchester im Zoologischen Garten oder von seiner Großmutter mütterlicherseits mit ihrem Handwerkszeug. Oder von seiner Bettlägerigkeit, denn der junge Benjamin war oft krank gewesen. Neben den persönlichen Erinnerungen vermitteln die Prosatexte aber auch Vergangenheitsbilder von Berlin um die Jahrhundertwende.
Ergänzt wird die Reclam-Neuerscheinung durch einen umfangreichen Anhang mit erläuternden Anmerkungen und einem Nachwort der Herausgeberin Andrea Gnam.