Über Selbstzerstörung, Selbstaufgabe und eine grenzüberschreitende Freundschaft. realitätsnah und sprachgewaltig, gerne mehr davon!
Der Debütroman "Dunkelgrün fast schwarz" von Mareike Fallwickl erschien 2018 im Frankfurter Verlagsanstalt Verlag. Auf knapp 480 Seiten thematisiert sie Themen wie Freundschaft, Abhängigkeit, erste Liebe und wie schnell die Grenze zwischen Hingabe und Selbstaufgabe verschwimmen kann. Es war ist mein erstes Buch der Autorin, obwohl ich ihr schon länger auf Instagram folge. Genau deshalb hatte ich bestimmte Erwartungen: eine moderne, feministische Stimme, schwere Themen und das alles in ihrer unverwechselbaren Sprache. Dass mich der Roman dann sofort packen würde, hatte ich trotzdem nicht erwartet.Im Zentrum steht die Freundschaft zwischen Moritz, Raffael und Johanna. Die Geschichte springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Jugend und späterem Wiedersehen. Parallel dazu wird die Geschichte von Moritz Mutter Marie erzählt. Gerade die Lebensrealitäten der Frauenfiguren werden dabei so eindringlich erzählt, dass man sie lange im Gedächtnis behält. Erzählt werden die Kapitel wechselnd aus der Perspektive von Moritz, Johanna und Marie, wodurch die Figuren eine besondere emotionale Tiefe bekommen. Raffael dagegen bleibt einem beim Lesen immer etwas fremd und wirkt fast geheimnisvoll.Was mich schon nach wenigen Seiten komplett abgeholt hat, war die Sprache. Mareike Fallwickl schreibt ungeschönt und legt den Finger direkt in die Wunde."Irgendwann wirst du erkennen, dass manche Menschen nur leuchten, indem sie andere ins Dunkle schubsen."Manche Sätze wirken beiläufig und bleiben einem trotzdem im Kopf."Die Stille ist wie Gelee, das in die Ohren rinnt und sie verschließt."Dazu kommen die österreichischen Begriffe und regionalen Eigenheiten, die den Roman realistisch wirken lassen. Die Sprache trägt die isolierte Atmosphäre des Bergdorfs, die Enge und Schwere, die über der ganzen Geschichte liegt.Besonders beeindruckt hat mich aber die Darstellung der widersprüchlichen Freundschaft zwischen den Figuren. Beim Lesen war ich gleichzeitig wütend, verzweifelt und fassungslos. Warum reagiert Moritz so spät? Warum hilft Marie nicht konsequenter? Warum lässt Johanna sich so behandeln? Diese Fragen haben mich permanent begleitet - und genau darin liegt für mich die Stärke des Romans. Er zwingt einen dazu, über die eigenen Grenzen nachzudenken. Darüber, was man selbst in Freundschaften oder Beziehungen entschuldigt, relativiert oder viel zu lange hinnimmt, obwohl längst klar ist, dass etwas zerstörerisch geworden ist und einem nur noch wehtut. Dabei hilft auch, dass sich der Roman auf wenige zentrale Figuren konzentriert. So bekommen alle ihre Charaktere den Raum, den sie brauchen, um greifbar zu wirken. Selbst Nebenfiguren, wie Raffaels Mutter, hinterlassen Spuren. Man merkt außerdem in jedem Detail, dass die Autorin die beschriebene Gegend kennt und liebt.Trotz meiner Begeisterung hatte ich zwei Kritikpunkte. Zunächst die Länge des Romans. Mit knapp 500 Seiten fühlt sich die Geschichte an einigen Stellen sehr lang an und ich glaube, dass man auch mit 100 Seiten weniger denselben emotionalen Effekt hätte erzielen können. Manche Passagen ziehen sich etwas und ich habe bemerkt, dass ich nicht mehr jedes Wort aufmerksam gelesen habe.Das Ende hat mich leider ebenfalls zwiegespalten zurückgelassen. Die Aussprache zwischen den Figuren wirkte klischeehafter als der restliche Roman. Nach all der emotionalen Härte fühlt sich das Ende fast zu versöhnlich an, auf jeden Fall weniger mutig. Vielleicht hat die Autorin Moritz auch nur ein rundes Ende nach all' seinem Schmerz gegönnt. Aber auch Raffaels plötzliche Wandlung gegenüber Johanna habe ich nur schwer schlucken können.Dunkelgrün fast schwarz ist ein eindringlicher Roman über toxische Dynamiken, Selbstzerstörung, Sehnsucht und die Frage, warum Menschen so oft bei denen bleiben, die ihnen wehtun. Vor allem aber ist es ein sprachlich beeindruckender Roman. Ich gebe 4,5 von 5 Sternen. Definitiv nicht mein letztes Buch von Mareike Fallwickl.