ACHTUNG SPOILER
Von Jay Kristoff habe ich bisher alle Reihen gelesen, die es auf deutsch gibt, daher mag ich grundsätzlich seinen Schreibstil und seine Art der Romane. Auch Das Reich der Verdammten macht wieder Spaß beim Lesen und das Ende fand ich wirklich spannend und toll. Die Längen, die andere Rezensenten angesprochen haben, empfand ich nicht als störend. Im Gegenteil mag ich in Fantasy oft diese ruhigeren Phasen, um besser in die Welt eintauchen zu können (z.B. wie bei Brandon Sanderson). Die Endschlacht war echt fesselnd und insb. der Kampf in der Gruft gegen Lilidh war hervorragend, ich konnte wirklich nicht aufhören zu lesen. Normalerweise hasse ich Ich-Erzähler, aber trotzdessen machen mir die Romane der Reihe echt Spaß. Die Bilder zwischendrin waren natürlich auch gut. Das Reich der Verdammten hat aber auch merkliche Schwächen. So finde ich, dass der Autor mit seinem Schreibstil teilweise krampfhaft versucht, edgy zu sein, was mich zunehmend gestört hat. Die Stellen á la "wenn dies hier eine Heldengeschichte wäre" oder so ähnlich, welche es leider auch im Finale gab, sind hierfür exemplarisch und wirkten irgendwie erzwungen und störend. Auch waren die allermeisten Wendungen mehr als vorhersehbar. Dass z.B. Wurm die Prinzessin Reyne ist, war ab der zweiten Szene mit ihr mehr als offensichtlich. Auch dass Diors "Verschwörung" durch Verrat aufgedeckt werden würde, war mir bereits ab der ersten Szene klar, in der Dior, Reyne und die anderen ihren Plan schmiedeten.Das Worldbuilding in Kristoffs Vampire-Reihe ist quasi nicht existent. Die Religion ist quasi eins-zu-eins das Christentum mit all der klischeehaften Kritik an der historischen Kirche. Die Länder haben keine eigene Kultur oder etwas ähnliches, so ist z.B. Ossway einfach nur Schottland mit veränderten Geschlechterrollen. Auch die Vampirkräfte sind nur Tropes; außer die Elenden, die wie Zombies sind, und die ich als originellen Einfall mochte. Ansonsten machen insb. die Dyvoks keinen Sinn. Der Kampfstil Dyvok-Sturm dürfte physikalisch nicht möglich sein. Ich verstehe, dass die Dyvoks die Fliehkraft ihrer extrem schweren Waffen nutzen, aber die Fliehkraft kann bei einer so kurzen Bewegung wie einem Schwertschlag nicht stärker werden als die anfänglich wirkende Kraft; der Dyvok-Sturm funktioniert einfach nicht. Komödiantisch fand ich es da geradezu, als Nikita mithilfe seines Schwertes "fliegen" bzw. sehr hoch springen konnte. Es wäre besser gewesen, wenn die Dyvoks ihre übernatürliche Kraft im Kampf anders nutzen würden, z.B. könnten sie ja im Kampf nach vorne oder oben springen mit ihrer Über-Kraft. Auch widerspricht die Dyvok-Peitsche eklatant dem etablierten Worldbuilding und den Kräften der Vampirblutlinien. Die Peitsche wurde auch nie erklärt. Es gab nur eine nichtssagende Beschreibung mit "wo die Ilon subtil und gewandt sind, ist die Dyvok-Peitsche hart" oder so ähnlich, was aber die Existenz der Kraft nicht rechtfertigt. Dass die Peitsche aber wirklich wirkt, wie bei Kiara in ihrem Kampf gegen Lilidh, ist einfach falsch und widerspricht dem etablierten Worldbuilding.Gabriel als Protagonisten mag ich überhaupt nicht. Gegen die "gebrochenen Männer" habe ich nichts, im Gegenteil, sie können wirklich gute Charaktere sein. Aber Gabriel gehört nicht dazu. Er soll auf dem Papier ein mehrdeutiger Charakter sein, der nicht gut oder böse sein soll, aber in Wahrheit sehe ich eher fast schon eine Mary Sue in ihm. Auf den ersten Blick soll er skrupellos sein getreu seinem Motto "lieber ein Arschloch als tot", aber jede seiner moralisch fragwürdigen Handlungen wird im Nachhinein gerechtfertigt, sodass Gabriel rein gut ist am Ende. Exemplarisch hierfür ist eine frühe Szene in Teil 1, wo er unschuldige Kirchenleute und Nonnen anschießt, ihnen die Pferde klaut und sie einer Horde Elender-Zombies zum Fraß vorwirft, um sich selbst zu retten; später stellt sich aber heraus, dass die Kirchenleute alle ultra böse Folterer und Ketzerjäger waren, die sadistische Freude empfinden bei ihren Verhören, sodass Gabriel doch wieder der Gute ist. Diese Muster zeigt sich auch in Teil 2. Er kämpft gegen seinen eigenen Orden im Finale von Teil 1 und, aus Sicht der Kirche, verhindert er durch die Unterbrechung des Opferrituals die Erlösung der Menschheit und besiegelt nicht weniger als aus ihrer Sicht das Ende der Welt, aber am Ende von Teil 2 kommen die Silberwächter ihm doch irgendwie zur Hilfe ohne Erklärung und sterben praktischerweise allesamt, sodass man den Konflikt nicht austragen muss. Gabriel handelt auf den ersten Blick skrupellos, aber hinterher wird alles gerechtfertigt und die moralische Grauzone faktisch aufgehoben. Außerdem hat Gabriel immer recht. Jede Idee, die er im Laufe des Buches hat, ist richtig; er ist gegen Rüstungen, und prompt verliert Dior einen Kampf, weil sie eine Rüstung trägt, und so weiter. Jede Idee, die jemand anders entwickelt, ist schlecht, und jeder, der Gabriel widespricht, läuft in sein Verderben.Celene mochte ich als Charakter sehr. Aber auch sie scheint von Gabriel gewissermaßen kaputt gemacht zu werden. Sie scheitert quasi bei allem, was sie tut und vorschlägt. In ihrer Zeit mit Dior bei den Dyvoks begeht sie einen Fehler nach dem anderen und alles, was sie macht, scheitert. Das fand ich unglaubwürdig und auf Dauer nervig.