In einer Zeit, in der Geburten oft entweder romantisiert oder medizinisch-technisch betrachtet werden, unternimmt Helena Barop in ihrem Sachbuch Mythen, Macht und Muttermund den Versuch, die Geschichte des Gebärens als zentrales Kapitel der Menschheitsgeschichte neu zu erzählen.
Dabei zeigt die Historikerin, dass Geburt nie bloß ein biologischer Vorgang war, sondern immer auch von gesellschaftlichen Vorstellungen, Machtverhältnissen und Bildern von Weiblichkeit geprägt wurde. Barop verfolgt, wie sich Wissen, Kontrolle und Verantwortung rund um das Gebären über die Jahrhunderte in Europa verschoben haben und welche Spuren diese Entwicklungen bis heute hinterlassen haben. Dabei räumt sie mit hartnäckigen Mythen auf und macht sichtbar, wie eng die Geschichte der Geburt mit Fragen von Selbstbestimmung, Fürsorge und patriarchalen Strukturen verbunden ist.
Besonders gut haben mir die aus historischen Quellen erschlossenen Geburtsberichte gefallen. Sie verleihen dem Buch Tiefe und haben beim Lesen eine direkte Verbindung zwischen mir als dreifacher Mutter und den Gebärenden vergangener Zeiten entstehen lassen. Eine Art Zeitreise, die ich sehr fesselnd fand. Denn wie die meisten Mütter habe auch ich jede Geburt anders erlebt und als prägend empfunden.
Zu Beginn des Buches beleuchtet Barop erkenntnisreich, wie patriarchale Strukturen nicht nur die Geburt an sich, sondern auch die Wissensentstehung und -vermittlung rund um das Gebären beeinflusst haben. Dabei ist Geburt so formuliert es Barop treffend ein Menschenthema. Das Ende des Buches hält einen mutigen Blick in die Zukunft sowie den einen oder anderen vorsichtigen Ratschlag bereit.
Insgesamt ist das Buch hervorragend recherchiert sowie sehr verständlich und verantwortungsvoll geschrieben. So gibt es angesichts der mitunter dunklen Kapitel der Geschichte entsprechende Triggerwarnungen und Hinweise.