Scharf beobachtet, gut recherchiert und zugänglich geschrieben, macht das Buch Mut, Wut ernst zu nehmen und als Kraftquelle zu nutzen.
In den letzten Jahren habe ich bereits einige feministische Sachbücher gelesen, die mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten und Perspektiven auf unsere Gesellschaft blicken. Ciani-Sophia Hoeder hat sich die Linse der Female Rage für ihr Buch ausgesucht. Wobei hier eigentlich schon das Problem beginnt, denn wie die Autorin bereits zu Beginn ganz richtig hervorhebt, gibt es so etwas wie "weibliche Wut" eigentlich gar nicht. Wut ist eine Basisemotion, wie weder gut noch schlecht, weder männlich noch weiblich sein kann, sondern einfach als Signal dafür verstanden werden muss, dass gerade etwas nicht in Ordnung ist, eine Ungerechtigkeit behoben werden oder die Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt werden soll. Nachdem sie Wut als Gefühl analysiert hat, bezieht sie historische wie aktuelle Beispiele ein, um aufzuzeigen, welches transformative Potenzial in kollektiver Wut steckt und wieso die Wut von Frauen und Mädchen im Patriarchat seit Jahrhunderten eingeschränkt und kontrolliert wird. Zicken, Diven, Hysterikerinnen und Schreckschrauben; Scold?s Bridle, Frauenverbrennung, Frauenwahlrecht und 48er Revolution; Tone Policing, Self Silencing, Dauerlächeln und toxische Positivität; #Aufschrei, #Metoo und Women?s March. Wie all das zusammenhängt und eine Geschichte von Wut und Mut erzählt, wird auf den knapp 200 Seiten aufgeschlüsselt. "Wut ist nicht sexy. Sie passt nicht in den sorgfältig gemanagten Instagram-Feed hinein. Sie wird mit Yoga, Meditation und einem fast schon neurotischen Self-Care-Hype wegmeditiert. Dabei sind die Folgen von internalisierter Wut desaströs. Essstörungen, Selbstverletzungen, Kopfschmerzen, ein mangelndes Selbstwertgefühl, erhöhte Angstzustände, Burn-out, Depressionen ¿ ihre Unterdrückung hat ernst zu nehmende Krankheiten zur Folge."Dabei gibt die Autorin auch den Anstoß, sich der eigenen Wut zu nähern, sich zu fragen, wann man zuletzt wütend war und wie man dies geäußert hat und wie dieser Emotion in der Kindheit begegnet wurde. "Wut und Böse" ist kein Aufruf zur blinden Zerstörung - niemand muss gleich eine halbe Stadt in Schutt und Asche legen wie der Hulk. Vielmehr zeigt das Buch, dass Wut dann produktiv wird, wenn sie etwas an unserer Situation verändert. Wenn aus Wut Mut wird. Wenn wir lernen, hinzuhören und unsere Emotionen als politischen und persönlichen Kompass zu begreifen."Brav sein zahlt sich nicht für Frauen aus, sondern für diejenigen, die ihre Macht über brave Frauen erhalten wollen."Besonders spannend fand ich ihren intersektionalen Blick. Sie betrachtet den Umgang mit Wut nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit Herkunft, Rassismus, Klassismus und weiteren Diskriminierungsformen. Dabei lässt sie zahlreiche Expertinnen und Betroffene zu Wort kommen, wodurch ein vielschichtiges, eindrückliches Gesamtbild entsteht, das ich demnach nur weiterempfehlen kann. Einen kleinen Abzug gibt es von mir für das sehr ungleichmäßig vertonte Hörbuch, das die Autorin selbst einspricht... FazitMit "Wut und Böse" gelingt Ciani-Sophia Hoeder eine kluge, intersektionale und augenöffnende Analyse weiblicher Wut. Scharf beobachtet, gut recherchiert und dennoch zugänglich geschrieben, macht das Buch Mut, dieses Gefühl ernst zu nehmen und als Kraftquelle für Veränderung zu nutzen.