
Hänsel und Gretel meets Krabat meets Ronja Räubertochter
Am Rande eines düsteren Waldes lebt Ava mit ihrer kleinen Schwester Linn und ihrem Vater. Das Leben ist hart und die Familie hungert. Als der Vater spurlos verschwindet, irren die Schwestern alleine umher und finden schließlich Unterschlupf bei der unheimlichen Nebula, die tief im Wald in einer alten Kate haust. Sie sorgt wie eine Mutter für die Schwestern, doch warum nur hält sie die kleine Linn in ihrer Kammer gefangen? Und wer sind all die anderen Kinder, die bei ihr leben? Ava beschleicht ein schrecklicher Verdacht: Ist Nebula eine Hexe?
Der erste Band der Eventyr-Saga - atmosphärisch, düster und fesselnd!
Das Buch ist ein echtes Schmuckstück: Ausgestattet mit schimmernder Goldfolie.
Übersetzt aus dem Dänischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels
Besprechung vom 14.03.2026
Harry Potter und die Folgen
Hänsel, Gretel und die Zaubererschule auf der Lichtung: Was verrät Gry Kappel Jensens Roman "Tochter des Nebelwalds" über die ungeschriebenen Regeln im gerade so erfolgreich erneuerten Genre der literarischen Fantasy?
Von Tilman Spreckelsen
Was Hunger ist, weiß Ava seit Langem, und ihre kleine Schwester Linn weiß es auch. Zusammen mit ihrem Vater bewohnen die Mädchen eine Hütte auf einer Lichtung im Wald. Irgendwo in der Nähe ist ein Dorf, in dem der Vater selten etwas einkauft oder seine Dienste als Schreiner anbietet. Und weit entfernt liegt eine reiche Stadt, in der ein Kaiser herrscht - genauer wird Avas Geschichte weder im Raum noch in der Zeit verortet.
Weil es aber allen schlecht geht, auch den Dorfbewohnern, die unter Missernten und außerdem, wie sich später herausstellt, unter den drückenden Steuern des Kaisers leiden, müssen Ava und Linn aus Eichelmehl Brot backen und aus Baumrinde Suppe kochen - findet sich ein Pilz dazu, gibt es ein Festmahl. Allerdings hat der Vater einen Auftrag angenommen, wie er sagt, dessen Entgelt sie eine Weile besser ernähren wird. Dazu werkelt er im Schuppen vor sich hin, heimlich, den Mädchen ist es streng verboten, ihn dabei zu stören. Schließlich findet Ava heraus, was er dort tatsächlich herstellt: drei Särge, unterschiedlich groß, für sich und die Töchter, damit sie nach dem baldigen Hungertod wenigstens anständig unter die Erde kommen.
Der Roman "Tochter des Nebelwalds", geschrieben als erster Teil einer "Eventyr-Saga", stammt von der dänischen Autorin, Lektorin und Übersetzerin Gry Kappel Jensen. In Deutschland ist sie mit ihrer erfolgreichen "Rosenholm"-Trilogie bekannt geworden. Diese ist dem schon nicht mehr ganz taufrischen Trendgenre "Dark Academia" zuzurechnen und erzählt von vier Schülerinnen eines Internats, die dort Fächer wie Magie, Hellsehen und Hexerei belegen, aber auch Nordische Geschichte und Mythologie.
Die Sorge, als eine von zig Rowling-Epigonen wahrgenommen zu werden, die ihre Romanhandlung in einem Internat für Zauberernachwuchs ansiedeln, plagt Jensen ersichtlich nicht. Tatsächlich ist, je bekannter das Vorbild und je deutlicher der Verweis darauf ist, umso aufschlussreicher, wie genau die Referenz im Nachfolgeroman geschieht und wo sich das neue Buch vom alten absetzt. In der "Rosenholm"-Trilogie, die auch mit anderen Elementen an den "Harry Potter"-Kosmos erinnert, zum Beispiel mit einer wie Rowlings "Maulende Myrte" vor Jahrzehnten im Schulgebäude gewaltsam ums Leben gekommenen und nun herumspukenden Schülerin, geschieht das etwa durch den deutlichen Bezug auf die nordische Mythologie.
Auch der neue Romanzyklus, den Gry Kappel Jensen nun mit "Tochter des Nebelwalds" einläutet, zitiert die Welt von Hogwarts, nur in ganz anderem Zusammenhang. Zunächst ist es allerdings das grimmsche Märchen von Hänsel und Gretel, das die Folie für die Handlung liefert. Der Vater von Ava und Linn nimmt seine Töchter mit auf eine Wanderung durch den Wald, um, wie er verspricht, mit ihnen in der Stadt des Kaisers ein neues Leben zu beginnen. In der Nacht verschwindet er und überlässt die Mädchen sich selbst, da er es offenbar - wie der Vater im Märchen - nicht erträgt, sie verhungern zu sehen. Als Ava erwacht, hat aber auch Linn das Lager verlassen. Ihre Schwester sucht sie und gelangt bald zu einem weiteren Haus mitten im Wald, das von der blinden Nebula und einer Reihe von Kindern bewohnt wird - einer Hexe und magisch begabten Kindern, wie Ava bald erfährt. Linn und sie selbst gehörten dazu, sagt man ihr.
Noch so eine Ausbildungsstätte für Zauberer also. Und was in der Welt von Hogwarts der "Patronus" ist, der hilfreiche Geist in Form eines bestimmten Tieres, heißt hier "Familiaris" und hat eine ganz ähnliche Funktion. Die belesene Autorin aber stattet ihn zudem mit einer Eigenschaft aus, die wiederum aus Philipp Pullmans Fantasy-Klassiker "Der goldene Kompass" stammt: Was die Kinder, die im Haus von Nebula versammelt sind, jeweils heraufbeschwören, ist wie Pullmans "Dæmon" ein unzertrennlicher Teil ihrer selbst, ein Stück Seele. Der Familiaris ist sensibel und verletzlich, empfindlich gegenüber Berührungen anderer. Aber er ist - anders als in Pullmans gewaltigem Werk - hier offenbar nur Zauberern vorbehalten.
Ava muss sich einfinden in Nebulas Welt, aber sie muss auch erst akzeptieren, dass sie das ist, vor dem man sie immer gewarnt hat und das angeblich den Tod ihrer Mutter verschuldet hat: eine Hexe. Folke, einer der Jungen, die mit ihr bei Nebula wohnen, bringt es auf den Punkt: "Ich weiß, dass es schwer ist, sich damit anzufreunden, aber wir können nicht davor davonlaufen, wer wir sind, Ava." Es sind gestelzte Weisheiten wie diese, die ohne große Mühe als Botschaften der Autorin verstanden werden können. Und wenn die offenbar in dem Genre, das sie um eine neue Geschichte ergänzt, ausgesprochen belesene Jensen diese Aufforderung so ohne jede Distanz ausbuchstabiert, dann knüpft sie damit ebenfalls an eine dort weitverbreitete Lehre an: All die Vampire und Werwölfe, die Gestaltwandler und wie auch immer magisch begabten Wesen neigen dazu, mit ihrer Besonderheit zu hadern. Sie anzunehmen, also zu dem zu stehen, was sie sind, ist eine zentrale Aufgabe im Rahmen der Fantasyliteratur, zumal in ihrer neuesten Blüte, auf der gerade die gesamte Hoffnung des gebeutelten Buchmarkts ruht.
Für Ava und die von ihr lange getrennt in Nebulas Haus lebende Linn heißt das, nicht weiter die ihnen innewohnende Kraft zu ignorieren, aber eben auch nicht, sich ihr nun hinzugeben und damit im schlimmsten Fall Tod und Zerstörung über ihre Umgebung zu bringen. Sie müssen - auch dies ein beliebter Topos der Fantasyliteratur - lernen, diese Kraft zu kontrollieren, sie also gezielt einzusetzen. Und das am besten zum Wohl anderer.
Eine solche Forderung ist nicht neu, und dass unter den aktuellen Young-Adult-Büchern sehr viele sind, die zwischen glitzerbunten Buchdeckeln ein sehr traditionelles Gedankengut transportieren, allen voran mit Blick auf das Geschlechterverhältnis, zeigt sich bei der Lektüre rasch. Und während "Tochter des Nebelwalds" eine stimmige Atmosphäre ebenso wie eine durchaus fesselnde Handlung entwirft, macht der Roman auf der sprachlichen Ebene das, was er vermitteln will, in einer Weise deutlich, die kaum noch Raum für Zwischentöne lässt. Das gilt auch für den der Heldin zugedachten Partner, dessen Funktion beim ersten Auftreten sonnenklar ist und durch Avas Familiaris nonverbal bestätigt wird.
Es wäre mehr drin gewesen, sicher. Als Schaufenster von Genrekonventionen aber wird man das Buch mit Gewinn lesen.
Gry Kappel Jensen: "Tochter des Nebelwalds".
Aus dem Dänischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels. Carlsen Verlag, Hamburg 2026. 304 S., geb., 15,- Euro. Ab 12 J.
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