True-Crime-Podcast trifft Whodunit, Pip trägt Trauma. Einer der stärksten YA-Thriller der letzten Jahre.
Pippa "Pip" Fitz-Amobi ist eigentlich fertig mit Detektivarbeit. Nach den Ereignissen des ersten Bandes und dem Fall Andie Bell will sie normal sein, sich auf ihr Abitur konzentrieren und die Beziehung mit Ravi Singh genießen. Nur eines will sie nicht aufgeben: den True-Crime-Podcast, den sie gemeinsam mit Ravi produziert und der viral gegangen ist. Dann verschwindet Jamie Reynolds, der ältere Bruder ihres besten Freundes Connor. Die Polizei nimmt den Fall nicht ernst, weil Jamie einundzwanzig ist, keine feste Karriere hat und Alkohol-Probleme in seiner Vorgeschichte. Connor kommt zu Pip. Und Pip sagt widerwillig Ja, obwohl sie weiß, was Ermittlungen mit ihr machen. Diesmal läuft der Fall in Echtzeit, live vor einem Millionenpublikum, das jede neue Podcast-Folge verschlingt.Holly Jackson gelingt mit der True-Crime-Podcast-Ebene in diesem zweiten Band etwas erzählerisch wirklich Meisterhaftes. Sie nutzt das Podcast-Format nicht als bloße Kulisse, sondern macht es zum eigentlichen Thema und stellt dabei die Fragen, die die ganze True-Crime-Community stellen muss. Ein Podcast über einen laufenden Fall kann Aufmerksamkeit lenken, wo die Polizei versagt, und Zeug:innen erreichen, die anders nie identifiziert worden wären. Er kann Ermittlungen aber auch behindern, Trolle anziehen und Familien belasten. Die Podcast-Transkripte werden in die Erzählung eingewoben, sodass wir sowohl Pips innere Erfahrung als auch die bearbeitete Version für ihr Publikum lesen. Diese Meta-Ebene macht die Leser:innen zu bewussten Konsument:innen von True-Crime-Content und lässt die eigene Rolle als Zuhörer:in reflektieren.Besonders stark ist Pips psychologische Weiterentwicklung. Sie ist vom ersten Fall gezeichnet, aber nicht gebrochen, sondern verändert. Jackson zeigt Schlafprobleme, Flashbacks und Angst-Attacken mit einer Ehrlichkeit, die in der YA-Literatur selten ist, und macht Pip so zu einer wichtigen Identifikations-Figur für alle, die selbst mit Trauma-Symptomen leben. Auch die Beziehung zu Ravi ist reifer geworden. Sie sind nicht mehr in der ersten Verliebtheits-Phase, sondern zwei Menschen, die gemeinsam durch etwas Traumatisches gegangen sind und sich gegenseitig auffangen müssen. Der Fall Jamie Reynolds selbst funktioniert erzählerisch klug, weil Jamie nicht in das Klischee der "idealen Vermissten" passt und Jackson damit die selbstverstärkende Voreingenommenheit polizeilicher Priorisierung sichtbar macht, ohne belehrend zu werden.Dazu kommt das reine Whodunit-Handwerk auf höchstem Niveau. Die Twists sind sorgfältig vorbereitet, überraschend, aber logisch stringent. Kurze Kapitel mit Cliffhangern, wechselnd zwischen ruhigen Reflexionsmomenten und atemlosen Sequenzen, machen das Buch zu einem echten Pageturner. Als Standalone funktioniert es allerdings nicht, Band 1 sollte man vorher gelesen haben. Emotional intensiv, also nicht immer leichte Lektüre, und die Ich-Perspektive bindet uns eng an Pips Wahrnehmung.Absolute Pflichtlektüre für alle, die True Crime konsumieren oder produzieren, und für Fans intelligenter YA-Thriller mit psychologischer Substanz. Die Netflix-Verfilmung von 2024 kann die Ich-Perspektive so nicht bieten.