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Band 5

Hamster im hinteren Stromgebiet

Roman. Alle Toten fliegen hoch, Teil 5 | Der SPIEGEL-Bestseller #1

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Was passiert, wenn man durch einen gesundheitlichen Einbruch auf einen Schlag aus dem prallen Leben gerissen wird? Kann das Erzählen von Geschichten zur Rettung beitragen? Und kann Komik heilen?

Nachdem der Erzähler Joachim Meyerhoff aus so unterschiedlichen Lebenswelten berichtet hat wie einem Schüleraustausch in Laramie, Amerika, dem Aufwachsen auf einem Psychiatriegelände, der Schauspielschule und den liebesverwirrten Jahren in der Provinz, gerät der inzwischen Fünfzigjährige in ein Drama unerwarteter Art.

Er wird als Notfall auf eine Intensivstation eingeliefert. Er, der sich immer durch körperliche Verausgabung zum Glühen brachte, die »blonde Bombe«, für die Selbstdetonationen ein Lebenselixier waren, liegt jählings an Apparaturen angeschlossen in einem Krankenhausbett in der Wiener Peripherie. Doch so existenziell die Situation auch sein mag, sie ist zugleich auch voller absurder Begebenheiten und Begegnungen.

Der Krankenhausaufenthalt wird zu einer Zeit voller Geschichten und zu einer Zeit mit den Menschen, die dem Erzähler am nächsten stehen. Er begegnet außerdem so bedauernswerten wie gewöhnungsbedürftigen Mitpatienten, einer beeindruckenden Neurologin und sogar wilden Hamstern. Als er das Krankenhaus wieder verlassen kann, ist nichts mehr, wie es einmal war. Joachim Meyerhoff zieht alle literarischen Register und erzählt mit unvergleichlicher Tragikomik gegen die Unwägbarkeiten der Existenz an.

Produktdetails

Erscheinungsdatum
10. September 2020
Sprache
deutsch
Auflage
3. Auflage
Seitenanzahl
320
Reihe
Alle Toten fliegen hoch, 5
Autor/Autorin
Joachim Meyerhoff
Verlag/Hersteller
Produktart
gebunden
Gewicht
442 g
Größe (L/B/H)
210/134/30 mm
ISBN
9783462000245

Portrait

Joachim Meyerhoff

Joachim Meyerhoff


, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, hat als Schauspieler an verschiedenen Theatern gespielt, unter anderem am Burgtheater in Wien, am Schauspielhaus in Hamburg, an der Berliner Schaubühne und den Münchner Kammerspielen. Dreimal wurde er für seine Arbeit zum Schauspieler des Jahres gewählt. 2011 begann er mit der Veröffentlichung seines mehrteiligen Zyklus »Alle Toten fliegen hoch«. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.


Pressestimmen

»Eine Hommage ans Leben.« Claudia Brandau, Hessische/Niedersächsische Allgemeine

»Eine Übung in schwarzem Humor.« Birgit Eckes, Kölnische Rundschau

»Ein großes Lesevernügen.« Paula Pfoser, orf.at

»In gewohnt schonungsloser Ehrlichkeit [geht es] um Peinliches, um Verletzlichkeit, Schwäche, Versäumnisse, Momente des Glücks und das, was alles zusammenhält die Menschen, die er liebt. [ ] ein echter Meyerhoff.« Anne Fritsch, Münchner Feuilleton

»Ein Balanceakt zwischen Ernst und Humor.« Kurier

»Meyerhoff hat mit seinem tanzenden Ton aus Selbstbeobachtung und tragischer Situationskomik ein ganz eigenes Genre geschaffen.« Jan C. Behmann, Der Freitag

»Sein Roman ist nicht zuletzt Zeugnis einer tragikomischen Selbstbehauptung.« Ö1 Ex libris

»So wort- und bildgewaltig, mit psychedelischem Furor hat vermutlich selten ein Betroffener seine Missempfindungen und Ausfallerscheinungen geschildert.« Ingeborg Jaiser, titel-kulturmagazin.net

» Hamster im hinteren Stromgebiet sollte es auf Rezept geben.« Cordt Schnibben, Der Spiegel

»Man ist buchstäblich hautnah dabei, wenn er sich mit leicht selbstironischerDistanz darüber wundert, was einem so alles passieren kann.« Wolfang Huber-Lang, APA Austria Presse Agentur

»Vom Krankenbett aus philosophiert und fabuliert der Bestsellerautor über sein Leben, die Liebe und das Theater. Aus der existenziellen Bedrohung macht Meyerhoff eine mitreißende Tragikomödie voller komischer Momente undmit Hamsterbegegnungen. Grandios!« Günter Keil, Playboy

»Was mich begeistert, ist seine Fähigkeit, gnadenlos gegen sich selbst zu sein und sich gleichzeitig fürs Leben und dessen Irrsinn kindlich zu begeistern!« Julia Möhn, emotion

»Meyerhoff sieht und beobachtet alles und beschreibt selbst diese Zeit mit so viel Witz und Rückblicken, mit so viel Theaterzauber und schräger Lebensphilosophie.« Elke Heidenreich, Stadtzauber Köln

»Szenen mit vielen Tränen, die dann doch eine Meyerhoff sche Message parat haben: Lebensintensität braucht keine Hyperaktivität, kein Spiel auf vielen Bühnen. Sondern einfach nur: ganz viel Gefühl.« Nicole Strecker, Kultur.West

»So anekdotisch sprunghaft das diesmal auch ist: Meyerhoffs drastische Komik sticht immer noch.« Xaver Stadtmagazin

»Fabelhafter, höchst unterhaltender Roman der leicht daherkommt und doch über etwas Schwerem tanzt.« Elke Heidenreich, Kölner Stadt-Anzeiger

»Eine ungewöhnliche, geniale, verblüffende Mischung aus Drama und Komik. [...] Großartig und beeindruckend.« Christine Westermann Andreas Wallentin, WDR 5

»Es ist genau das, was er als Schriftsteller so wahnsinnig gut kann:Dem Leben, und ist es gerade auch noch so mies, eine komischeSeite abzugewinnen.« Stefanie Wirsching, Augsburger Allgemeine

»Wohl sein persönlichstes Buch.« ORF-Jury-Bestenliste

»Ein gut lesbarer, unterhaltsamer Roman geglückt, der zwischen bangen "Treibsandaugenblicken" und hochkomischen Passagen hübsch oszilliert.« Johannes von der Gathen, Rhein-Neckar-Zeitung

»Meyerhoff gelingt zugleich der Spagat, auch das Ernsthafte der Situation herauszustellen. [...] So detailreich kann nur jemand schreiben, der diese Situation exakt so erlebt hat.« Andreas Schröter, Ruhr Nachrichten

»Vom Komischen im Tragischen.« Trend Wirtschaftsmagazin

»Meyerhoff behält [...] sein Gespür für Selbstironie und erzählenswerte Geschichten Wieland Schwanebeck, literaturkritik.de

» Hamster im hinteren Stromgebiet heißt sein neuer Roman, der - wie immer bei Meyerhoff - Tragik und Komik aufs Großartigste verbindet.« Anja Höfer, SWR 2 lesenswert

»Persönlich waren alle von Joachim Meyerhoffs Erfolgsromanen. Keiner aber geht so unter die Haut wie Hamster im hinteren Stromgebiet .« Doris Kraus, Die Presse am Sonntag

»Joachim Meyerhoff schreibt immer an seinem eigenen Leben entlang, er garniert Tatsachen mit Witz, Phantasie und Mutmaßungen. [...] Lesen Sie unbedingt selbst diesen wirklich fabelhaften, höchst unterhaltenden Roman.« Elke Heidenreich, WDR 4

»Joachim Meyerhoff hat mit Hamster im hinteren Stromgebiet eines der einsichtsvollsten Bücher über den Schock und die Folgen einer schwerenErkrankung geschrieben.« Doris Kraus, Die Presse

» Hamster im hinteren Stromgebiet [...]. Der Beweis, das erstklassige Schauspieler erstklassige Bücher schreiben können.« Denis Scheck, ARD druckfrisch

»Wenn aber Schauspieler Joachim Meyerhoff über seinen Schlaganfall schreibt, dann ist das ein Feuerwerk an genauen Beobachtungen, funkelnden Formulierungen und tiefen Einsichten.« Voralberger Nachrichten

»Joachim Meyerhoff erzählt auch hier mit einer Großpackung Tragikomik aus seinem Leben Julia Rothhaas, Süddeutsche Zeitung

»Meyerhoff hat den Blick und das Gehör für das gewisse Etwas.« Udo Schöpfer, Die Rheinpfalz

»Wieder gelingt ihm diese besondere Mischung aus Tragik und Komik, die schon seine ersten vier Romane so besonders machte.« Kester Schlenz, stern

»Joachim Meyerhoff zieht alle literarischen Register und erzäjöt mit unvergleichlicher Tragikomik gegen die Unwägbarkeiten der Existenz an.« Geistesblüten

»Er kann aus Trauer und Trauma nicht nur Kraft schöpfen, sondern sogar Humor ziehen, oft haarscharf an der Grenze zur Tragödie. Und so auch diesmal.« Cornelia Geißler, Berliner Zeitung

»Auch wenn der Ton nachdenklicher ist als in den Romanen, in denen Joachim Meyerhoff aus Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben erzählt: Sein Humor hat ihn nicht verlassen.« Katja Weise, NDR

»Ein mitreißender Erfahrungsbericht.« Woman, Österreich

»Er [Joachim Meyerhoff] kann aus Trauer und Trauma nicht nur Kraft schöpfen, sondern sogar Humor ziehen, oft haarscharf an der Grenze zur Tragödie. Und so auch diesmal.« Cornelia Geißler, Berliner Zeitung

»Das zeichnet auch sein neues Buch Hamster im hinteren Stromgebiet aus vielleicht sein persönlichstes. Zumindest hat er es als Selbsttherapie geschrieben ( ). Was den Spaß bei der Lektüre nicht schmälert, im Gegenteil.« Günter Keil, Südwest Presse

»Meyerhoffs Blick auf den Krankenhausbetrieb und den Verlust seiner Selbstkontrolle zielt immer auch auf die Komik hinter der Katastrophe, was sehr amüsant zu lesen und genau beobachtet ist.« Andrea Gerk, MDR Kultur

»Meyerhoff gelingt es einmal mehr, Komik in der Tragik auszumachen und somit sich und den Leser mit der Welt zu versöhnen.« Tobias Wenzel, Deutschlandfunk Kultur

»Mit seinem Buch [...] hat Joachim Meyerhoff sicher sein persönlichstes Buch geschrieben. [ ] Meistert er doch zum wiederholten Mal die Gradwanderung zwischen geistreichen Witz, Selbstentblößungskomik und Lebensnähe.« 3sat Kulturzeit

»Schonungslos, grotesk, komisch und schmerzhaft offen zeichnet Joachim Meyerhoff [...] die brutale Zäsur in seinem Leben [...] nach.« Angelika Hager, Profil

»Hochkomisch und bewegend zugleich erzählt er nun von einer vorzeitigen Begegnung mit dem eigenen Tod.« Welt am Sonntag

»Literarischen Weihen bekommt Hamster im hinteren Stromgebiet durch die Überdrehtheiten von Meyerhoffs Prosa, durch seinen Sinn für Situationskomik, durch seine Sprachkunst.« Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel

»Niemand versteht es wie Meyerhoff, die Tragik und den Humor des Lebens einzufangen.« Madame

»[...] und schon ist man wieder frisch verzückt von der ungebremsten Meyerhoff'schen Fabulierlust.« Christine Hohwieler, Brigitte Woman

Besprechung vom 22.09.2020

Klamauk als Medizin?
Joachim Meyerhoffs Roman "Hamster im hinteren Stromgebiet" verarbeitet einen Schlag des Schicksals

Bald zehn Jahre dauert die Erfolgsgeschichte von Joachim Meyerhoffs autobiographischem Zyklus "Alle Toten fliegen hoch" schon an, gut 2,3 Millionen Exemplare hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch bislang verkauft, mit "Hamster im hinteren Stromgebiet" erscheint nun der fünfte Roman. Seinen Ursprung hat das Projekt in Theaterabenden, auf denen Meyerhoff aus seinem Leben erzählte - von seinem Austauschjahr in den Vereinigten Staaten, aber auch von Tragischem wie dem frühen Unfalltod eines seiner Brüder.

Dass die Romane - bei Publikum und Kritik gleichermaßen - auf Begeisterung stoßen, mag daran liegen, dass es Meyerhoff gelingt, maximal viel Energie von der Bühne in die Bücher mit hinüberzunehmen. Man kann sich während der Lektüre des Eindrucks kaum erwehren, Meyerhoff säße neben einem und haute eine Schote nach der anderen raus. Und müsste dabei selbst immer wieder auflachen über den ganzen Unsinn, den so ein Leben ausmacht.

Unvergessen etwa, wie der baumlange Meyerhoff als Schauspielschüler bei seinen ebenso mondänen wie kapriziösen Münchener Großeltern lebt und von ihnen, die schon morgens ihr hochprozentiges Mundwasser nach dem Gurgeln schlucken, regelmäßig unter den Tisch getrunken wird, so dass er abends schließlich promilleselig im Treppenlifter in sein rosafarbenes Zimmer transportiert werden muss. Ob die Anekdote nur zur Hälfte stimmt? Ob sie bei jedem Wiedererzählen eine Nuance schräger geworden ist? Vollkommen unerheblich.

Was aber passiert mit dieser erzählerischen Leichtigkeit und der Lust an der Ausschmückung, wenn nicht alte Jugenderinnerungen hervorgeholt werden, sondern wenn das Erzählte nur wenige Monate zurückliegt? Und mehr noch: Wenn das Existentielle nicht nur immer einmal wieder hereinlugt, sondern wenn es alles überstrahlt, wenn plötzlich das eigene Leben auf dem Spiel steht?

In "Hamster im hinteren Stromgebiet" erzählt Meyerhoff von einem Schlaganfall, der ihn vier Monate nach seinem 51. Geburtstag ereilt, als er gerade mit der älteren seiner beiden Töchter an einer Hausarbeit über Bipolarität sitzt. Ihm wird übel, der Raum verliert die Kontur und verschwimmt. "Mein linkes Bein fing sanft zu kribbeln an, auf dem Schienbein eine Ameisenstraße, dann stärker und verlor seine für mich eindeutige Position im Raum. Mit einer prickelnden Entladung wich schlagartig alle Kraft aus dem linken Arm."

Meyerhoff weiß sofort, was ihm widerfährt. Und er weiß auch: "Zeit ist Hirn" - je schneller er im Krankenhaus ist, umso größer die Chance, dass bleibende Schäden verhindert werden können. Umso quälender - und absurder - erscheint das ewige Verharren des Krankenwagens, in den Meyerhoff, begleitet von einer Tochter, von zwei schwitzenden Sanitätern das Treppenhaus hinuntergewuchtet worden ist. Es fehlt die Anweisung, welches Krankenhaus aufnahmebereit ist.

An dieser Stelle würde man auf Übertreibung hoffen. Zu befürchten steht allerdings, dass es sich hierbei genauso wenig um eine handelt wie bei der Beschreibung der lazarettgleichen Wiener Intensivstation, auf der Meyerhoff irgendwann dann doch ankommt und auf der die Patienten, Männer wie Frauen, nur durch Vorhänge getrennt nebeneinanderliegen, so dass jede Regung, jedes Stöhnen, jedes intime Gespräche der anderen zu vernehmen ist. Aus literarischer Sicht ist dieser Raum ideal: Indem Meyerhoff die Verzweiflung der anderen beschreibt, muss er die eigene nicht artikulieren, sondern kann sich in ihr spiegeln. Seine jüngere Tochter ist es, die das Ungeheure dann doch ausspricht: "Stirbst du?"

Dass die Leichtigkeit angesichts der eigenen Versehrtheit zunächst einmal reichlich Einbußen hinnehmen muss, braucht kaum eigens erwähnt zu werden. Bemerkenswert und auch berührend - ohne auf banale Weise betroffen zu machen - aber ist die Art und Weise, wie Meyerhoff von den Tagen im Krankenhaus, zunächst auf der lazarettähnlichen Intensivstation, schließlich, weil eine Krankenschwester ihn erkennt, auch als Nichtprivatpatient in einem Einzelzimmer, erzählt. Das Erzählen, die Sprache - um deren Verlust er als Schauspieler vielleicht noch mehr als andere fürchten muss - wird mehr denn je zum lebensrettenden Faktor.

Natürlich ist vor allem der Roman selbst eine solche Selbstversicherung. Zunächst einmal aber, um die eigenen Fähigkeiten, das Sprach- wie das Erinnerungsvermögen, zu überprüfen, memoriert Meyerhoff Theatertexte. Und weil er befürchtet, im Schlaf könne er einen zweiten Schlaganfall erleiden, verbringt er die Krankenhausnächte, indem er sich Geschichten von zurückliegenden Reisen in Erinnerung ruft. Und so begibt er sich in Gedanken mit seinem Bruder auf Wandertour nach Norwegen und mit der neuen Freundin, für die er Frau und zwei Töchter verlassen hat, in den Senegal, wo er von asthmatischen Anfällen heimgesucht wird und die Nächte ausgestreckt auf dem Hotelboden verbringt, um möglichst nah an der Klimaanlage zu sein.

Kommen in diesen nächtlichen Reisen einerseits die eigenen nicht nur physischen Schwächen zur Sprache, so bricht sich in ihnen andererseits auch zusehends die Komik wieder Bahn und greift über auf den tristen Krankenhausalltag. Spätestens in der Schilderung eines vollkommen missratenen Patchworkfamilien-Aufenthalts auf Mallorca oder einer vermutlich irrtümlich von zwei robusten Pflegern erteilten Dusche - inklusive wilder Einschäumung der Genitalien und Modellierung alberner Schaummützen - oder den Beobachtungen des eigentlich bemitleidenswerten Treibens im Speisesaal für Schlaganfallpatienten scheint Meyerhoff sich in den heilenden Klamauk hereingeredet zu haben. "Einem Typ fiel die Brille in die von Thomas Bernhard unsterblich gerühmte Frittatensuppe und er setzte sie sich samt Pfannkuchenfäden zurück auf die Nase. Saß stoisch da, als ob nichts wäre, und vom Brillenbügel baumelte die Suppeneinlage."

Den Begriff "Kontrastbetonung", so Meyerhoff, habe er von seinem Onkel, einem Biologen, gelernt. Als erzählerisches Mittel beherrscht er diese brillant. Wo es zu schmerzhaft wird, wo etwa das Trainieren der durch den Schlaganfall verlorenen motorischen Fähigkeiten zäh und aufreibend wird, zieht er sich selbst durch Witz wieder hinaus. Ein "Schlupfloch aus der eigenen Hilflosigkeit" nennt Meyerhoff die Komik.

Als er - trotz der widrigen Umstände beinahe freudig - das zwischen dem Bauchfett des Fahrers eingeklemmte Lenkrad des Krankenwagens entdeckt - "Steuer im Speckmantel sozusagen" -, stößt man auf ein weiteres poetologisches Prinzip. Schon immer, so Meyerhoff, sei er auf der Suche nach solchen Motiven gewesen: "Bäume, die angenagelte Schilder verschlangen oder mit ihrer Rinde schmiedeeiserne Zäune umwuchsen". Als Zwanzigjähriger wiederum habe er leidenschaftlich alle möglichen Dinge, vorzugsweise Organisches, in Harz gegossen: "Neun kleine Wiener Würstchen, neun überfahrene Frösche oder neun vom Metzger bestellte Kuhaugen."

Eben dies macht auch der Erzähler Meyerhoff: Lebendiges in Harz gießen und konservieren. Diese Gießharz-Methode mag nun allerdings auch der Grund für die schwächeren Passagen des Romans sein. Denn eingießen kann man ja erst einmal jede Menge, erst mit der Zeit aber erkennt man, welche Exponate wirklich ausstellens- und bewahrenswert und welche allzu ungefilterte Selbstbeschreibungen oder -entwürfe à la "Ich bin ja ein Mensch, der . . ." sind. Als Meyerhoff einmal auf dem Krankenhausflur auf seine Töchter wartet, wirft er sich jedes Mal in Pose, wenn sich die Fahrstuhltür öffnet, um die Töchter mit seiner guten Verfassung zu beeindrucken. Schließlich gibt er erschöpft auf, denn alles "Posingpulver" ist verschossen. Eine Prise weniger dieses Pulvers hätte dem Roman ganz sicher nicht geschadet.

Und während man über weit zurückliegenden Humbug unbeschwerter zu lachen gewillt ist, mag man sich bei der Lektüre von "Hamster im hinteren Stromgebiet" zwischenzeitlich durchaus stirnrunzelnd fragen, wie lustig es beispielsweise eine Exfrau findet, wenn der abtrünnige Vater zur Kompensation seines schlechten Gewissens ohne Absprache ein Kaninchen samt Ausstattung für eine der Töchter in die Wohnung schleppt, in der er selbst nicht mehr wohnt. Und das Ganze dann noch ausschlachtet. Die Episode, nicht das Tier. Aber das bleibt freilich ein voll und ganz außerliterarisches Kriterium.

WIEBKE POROMBKA

Joachim Meyerhoff: "Hamster im hinteren Stromgebiet". Roman.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 320 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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