Wie fragil doch unser aller Leben ist, wird in diesem lesenswerten Band aus den Lebensgeschichte des Autors deutlich ...
Wie fragil das Leben ist, wird in diesem fünften Band des begnadeten Erzählers Joachim Meyerhoff äußerst plastisch, aber auch sehr kurzweilig dargestellt. Und zwar, wie gewohnt, anhand eigener in Romanform geschilderter Erlebnisse. Ob man das "Ereignis" als Schlaganfall, Hirnschlag oder medizinisch korrekt als Apoplex bzw. Apoplexia cerebri bezeichnet, ist jedenfalls nebensächlich, da das Ergebnis im Allgemeinen dazu führen wird, das Leben als das wahrzunehmen, was es ist: äußerst kostbar - weil gleichzeitig so verletzbar.Allerdings ist der Umgang damit entscheidet dafür, wie ein solcher Einschnitt ins Leben verarbeitet werden kann. Natürlich ist dies abhängig von Ort und Schweregrad eines solchen "Anfalls". Darin hat der Autor, bei allem Unglück auch ein wenig Glück gehabt; das Kleinhirn ist betroffen und sorgt für so manches Koordinationsproblem im Bewegungsablauf. Aber da der präfrontale Cortex noch einwandfrei funktioniert und auch der Hippocampus mitspielt, kann der Autor auch in dieser Situation in gewohnter Weise, seine Lage analysieren. Dies geschieht teils im Plauderton, teils in recht drastischen Beschreibungen, aber immer so, dass der Ernst der Situation nicht komplett in der Komik verschwindet.Aber will man es wirklich immer so genau wissen ("Ich hatte plötzlich am linken Handballen ein wenig Schei...e." [...] Ich hoffe im Reifenprofil des Rollstuhls etwas zu finden, doch die Herkunft des Kots blieb mir schleierhaft."), will man an jedem Fitzelchen seines Lebens (zuhauf Rückblicke en détail) so teilnehmen, als wäre man ein Familienmitglied oder würde hier etwas weniger Drumherum und im Gegenzug ein mehr an Hintergrundinformationen dem Ernst der Situation eher gerecht. Denn schließlich kann es jeden treffen. Und da wäre es ganz gut gewesen, neben all den wichtigen persönlichen Erfahrungen auch etwas mehr über die Erkrankung selbst zu erfahren. Sprache hilft heilen, so könnte man auch die Quintessenz dieses Buches beschreiben oder mit den Worten des Autors: "Eine Katastrophe wird schon dadurch eine andere, dass die Worte andere sind." Dabei hilft das Wienerische offensichtlich kolossal: "'Da hatten S' Glück. Des war ja nur a Schlagerl, das a bisserl bamstig macht."' Neben den anmutigen Teilen der Erzählung finden sich auch immer wieder Sätze, die man gerne festhalten möchte: "Wann war uns das Staunen über den Fortschritt abhandengekommen? Und wann, fragte ich mich, war die Dankbarkeit darüber, dass Dinge funktionierten, zum bloßen Anspruch verkommen?"Aber vor allem gilt, und das wird in dieser Erzählung besonders deutlich: Es kann jeden treffen - und dann ist es gut, wenn man in einer solchen Situation nicht allein ist auf dieser Welt.(10.8.2022)