Vielschichtig und faszinierend
¿Rezension"Der Ruf der Tränen" von Kerstin Stefanie RothenbächerIch habe das neueste Buch der sympathischen Autorin als Rezensionsexemplar in Form eines E-Books erhalten. Das Cover finde ich einen großartigen Hingucker und schon kurz nach Beginn der Lektüre erkannte ich, wie perfekt maßgeschneidert es zur Geschichte passt. Das Buch selbst ist voll mit kleinen Zierden, die zum jeweiligen Kapitel gehören und auch eine Landkarte der fantastischen Welt ist enthalten. ¿Zum Inhalt: Die uralte Weltordnung der magischen Wesen ist durcheinandergeraten! Einst Freunde und Helfer besonders unglücklicher Menschen, entführen die Kobolde diese auf einmal, anstatt sie zu retten. Keines der Opfer kehrt zurück. Seit Urzeiten sind die Baratjas Erzfeinde der Kobolde und nachdem sich der Lauf der Dinge dermaßen gewandelt hat, versuchen sie nun, die Entführten zu befreien. Sie wissen nicht, dass die Kobolde in den Verzweifelten nach der "einen Träne" suchen, um ihr eigenes Volk zu retten, das durch finstere Magie in einen magischen Saphir gesogen wird, der jede Woche ein neues Opfer fordert. Auch Tamasz, ein junger Baratja, überwindet das Furcht einflößende Feuertor und dringt damit in die Welt der Kobolde ein. Es ist sein allererster Auftrag. Obgleich ihn sein Lehrmeister Levente bestens vorbereitet hat, wird Tamasz nur wenig später von Koboldin Agata gefangen genommen. Sodann wird er einem riesigen Drachen zugeführt und glaubt, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Doch dieser Drache hat ganz eigene Pläne ...¿Fazit: "Der Ruf der Tränen" ist ein Buch voller Fantasie und überraschender Twists, das nicht nur einen außerordentlichen Figurenreichtum, sondern auch eine zutiefst komplexe Handlung bietet. Zu Beginn erzählt jede Figur eine eigene Geschichte, deren Fragmente sich wie ein Puzzle allmählich zu einem vielschichtigen Gesamtbild verdichten. Sehr gut hat mir die Namenswahl gefallen, denn noch nie ist mir ein Buch mit ungarischen Namen begegnet. Ich habe sogar recherchiert, was "Baratja" ist und glaube, dass es sich von "Barát" ableitet, was "Freund" bedeutet. Zugleich treffen wir mit den Kobolden auf die irische Mythologie, was einen reizvollen Mix ausmacht. Im Lauf des Lesens merkte ich, dass Rothenbächer kein Bild von "Gut und Böse" zeichnet, sondern nahezu jede Figur hat ihre eigenen Beweggründe, die nachvollziehbar sind, auch wenn daraus teilweise Katastrophales erwächst. Selbst der dubiose Gargoyle Nandor hat ein Motiv, das ihn zu dem treibt, was er tut.Hinter vielem kann man meiner Meinung nach eine Symbolik interpretieren; zum Beispiel bei Annika habe ich das Gefühl, dass sie in ihrer Drachengestalt mit der schier undurchdringlichen Panzerung die Stärke besitzt, die sie als dünnhäutige Teenagerin so dringend gebraucht hätte.Ich empfand die Erzählung nicht als seichtes Lesehäppchen, schon allein, weil es für mich durchaus eine Herausforderung war, die vielen Fragmente der Erzählstränge zu einem sinnvollen Ganzen zu fügen. Schnell merkte ich, dass Passagen, die im Präteritum geschrieben sind, in der Handlung länger zurücklagen, das Präsens hingegen zum aktuellen Geschehen gehört. Jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger, was es mir schwer gemacht hat, mit dem Lesen aufzuhören, weil ich ja unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht.Rothenbächer hat einen wunderbaren Erzählstil und nutzt teilweise ausgefallene Vergleiche wie "wälzte sich in (einem Gefühl) wie Plätzchen im Puderzucker", was mir das Lesen mehr als versüßt hat.