
Was ist Zeitverschwendung? Vergeudet sein Leben, wer wartet oder gammelt, streamt oder driftet? Michaela Krützen geht diesen Fragen nach, indem sie berühmte Figuren aus Literatur und Film betrachtet: Jeff Lebowski auf der Bowlingbahn, Hans Castorp in seiner Kurklinik oder Marie Antoinette am französischen Hof. Sie beschäftigt sich mit Ilja Oblomow, der auf seinem Sofa liegt, und mit Betty Draper, die eine Ehe im Vorort führt. Was erfahren wir aus Büchern, Filmen und Serien wie zum Beispiel Federico Fellinis »Die Müßiggänger«, Frank Capras »Lebenskünstler«, F. Scott Fitzgeralds »Der große Gatsby«, Bret Easton Ellis' »American Psycho« oder Jean-Philippe Toussaints Roman »Fernsehen« über den Umgang mit Zeit? Indem sie diese und andere Werke untersucht und in ganz neue theoretische Kontexte einordnet, klärt uns Michaela Krützen unterhaltsam und mit dem Blick für Details über eine der zentralen Fragen des Lebens auf.
Besprechung vom 18.01.2025
Was heißt schon Verschwendung?
Michaela Krützen widmet sich Figuren der Literatur und des Films, die mit ihrer Zeit großzügig umgehen.
Zeitverschwendung, woran immer sie gemessen wird, hat keinen guten Ruf. Das macht den Zeitverschwender zu einer interessanten Sozialfigur. Die Medienwissenschaftlerin Michaela Krützen widmet sich ihr in ihrem Buch über "Gammeln, Warten, Driften in Literatur und Film". Das Buch soll dabei weder Lexikon sein noch sich an einer Begriffsgeschichte von Zeitverschwendung versuchen. Die Auswahl der Werke, deren zeitverschwendende Figuren auftreten, ist nicht repräsentativ für ein Genre oder eine Epoche. Stattdessen lässt sich die Autorin von ihren eigenen Interessen leiten und zieht aufschlussreiche und immer wieder überraschende Verbindungslinien zwischen den von ihr behandelten Protagonisten.
Die erste (vermeintliche) Zeitverschwenderin, Marie Antoinette - thematisiert als von Kirsten Dunst gespielte Figur in Sofia Coppolas Film aus dem Jahr 2006 -, muss scheinbar unnötig lange morgendliche Ankleiderituale absolvieren. Doch was sich wie Zeitverschwendung ausnimmt, das haben Historiker gezeigt, war von hoher Bedeutung für die Hofgesellschaft von Versailles. Krützen parallelisiert die Marie Antoinette fälschlicherweise zugeschriebene Äußerung "Sollen sie doch Kuchen essen" mit einem Foto von Paris Hilton, welches das It-Girl der frühen Nullerjahre mit einem T-Shirt zeigt, auf dem - durch nachträgliche Bearbeitung - "Stop being poor" zu lesen ist.
Nihilistische rich kids stehen wiederum im Zentrum von Bret Easton Ellis' Romanuniversum. Patrick Bateman, Protagonist von "American Psycho" (1991), ist ein reicher Erbe in New York, der nur aus Lifestyle-Gründen seiner Arbeit an der Wall Street nachgeht und sich ansonsten, neben der mutmaßlich imaginierten bestialischen Ermordung argloser Mitmenschen, dem Konsum verschrieben hat. Was für ihn zählt, sind hochpreisige Waren, teure Kleidung, exklusive Restaurants. Und ausführliche Körperpflege, die die Anwendung unzähliger Produkte erfordert.
Reine Zeitverschwendung? Kommt darauf an, ob man Konsum als solche verstehen will. Für Bateman ist die exzessive Beschäftigung mit käuflich zu erwerbenden Dingen sicher keine vertane Zeit, rechte Freude scheint ihm sein luxuriöser Lebensstil aber auch nicht zu bereiten. Wenig Freude an seiner Exzentrik hat auch die Schlüsselfigur in Joris-Karl Huysmans Roman "Gegen den Strich" aus dem Jahr 1884. Auch er ist ein reicher Erbe, der sein Geld zum Fenster hinauswirft, der allerdings sein Leben als Pariser Dandy gegen das ländliche Exil tauscht, wo er in völliger Einsamkeit sein Leben fristet und schließlich auch lässt.
Krützen schweift ab, lässt sich zu Exkursen verführen: Wer ist mehr Dandy, Huysmans des Esseintes oder doch Bateman? Keiner der beiden versammelt alle klassischen Eigenschaften dieser Figur. Beide tätigen zwar Anschaffungen im großen Stil, doch des Esseintes trägt sie nicht zur Schau. Die prunkbesetzte Riesenschildkröte, die er auf seinen Teppich setzt, damit sie dessen Farben besser zur Geltung bringt, soll allein seine Augen erfreuen. Und apropos Teppich: der ist Dreh- und Angelpunkt der verworrenen Geschichte um den Dude, Jeff Lebowski, gammelnde Hauptfigur des Films "The Big Lebowski" (1998), die ihre Zeit mit fläzen und bowlen verschwendet.
So geht es dahin, von einer Figur zur nächsten. Man begegnet großen Namen aus Weltliteratur und Filmgeschichte, die mit der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit großzügig umgingen, von Jay Gatsby (1925) bis Betty Draper ("Mad Men", 2007-2015). Krützen widmet sich jeder Figur eingehend, analysiert sie detailgenau. Wohlfeil aber wäre die Beschwerde, dass das Buch mit seinen annähernd tausend Seiten zu lang sei. Zu lang wofür, müsste man zurückfragen. Der Autorin gelingt es schließlich mühelos, ihre Leser auch für die Feinheiten der Figuren und ihrer Art von Zeitverschwendung zu interessieren. Und obwohl sie in Anbetracht der Länge des Buches beschwichtigend anmerkt, man müsse die Kapitel nicht in der chronologischen Reihenfolge lesen, ist genau das zu empfehlen. Es ist vergnüglich, den oft gewitzten Assoziationen zu folgen, sich über Verbindungsfiguren von einem Topos zum nächsten führen zu lassen.
Krützen betrachtet ihr Material auch vor dem Hintergrund soziologischer und philosophischer Konzepte. So wird etwa der hemmungslose Statuskonsum Patrick Batemans mit Pierre Bourdieus Theorie der "feinen Unterschiede" analysiert. Hans Castorp wird im Licht von Henri Bergsons Philosophie des subjektiven Zeiterlebens betrachtet: Nur indem er die Existenz einer objektiv messbaren Weltzeit negiert, kann Castorp ganz in dem durch Routinen geprägten Leben auf dem Berghof aufgehen und sich vom Zeitregime derer "da unten" lossagen. Ilja Iljitsch Oblomows notorische Herumliegerei wird hingegen mit Max Weber als Verweigerung gegen eine sich durchsetzende kapitalistische Rationalität interpretiert, die Untätigkeit verdammt.
Was als Zeitverschwendung gilt, variiert nach Zeit, Ort, gesellschaftlichem Status und Geschlecht. Mit ihrer Studie zeigt Krützen, wie voraussetzungsreich es ist, Zeit im Gegenzug als sinnvoll verbracht zu charakterisieren. Und sie deutet an, was man schon geahnt hatte: dass die beste Möglichkeit, Zeit nicht als verschwendet zu empfinden, darin besteht, sie genussvoll zu verbringen. HANNAH SCHMIDT-OTT
Michaela Krützen: "Zeitverschwendung". Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024. 960 S., Abb., geb.
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