Für mich ist es ein berührender Roman über Inklusion und einsame Menschen, die zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen. Die Charaktere sind komplex gezeichnet und fühlen sich lebensecht an. Die Geschichte macht nachdenklich ("Schaue ich bei schwierigen Menschen weg?") und zeigt, dass es sich lohnt, im täglichen Miteinander hinzusehen und zuzuhören. Darum geht es:Wuppertal, Gegenwart. Pina Luxen ist seit 20 Jahren im Alleingang pflegende Mutter und hat alle Abläufe durchstrukturiert, damit ihr autistischer Sohn Leo in der herausfordernden Welt klarkommt. Dabei hat Pina ihre eigenen Wünsche vergessen und überhört die Wahrsignales ihres Körpers - bis sie zusammenbricht und auf der Intensivstation landet. Ihre dringlichste Sorge ist: Wer kümmert sich um Leo? Immerhin leben in der Hansastraße drei schräge Vögel, jeder einsam für sich. Wird Leo sie zusammenbringen? Erzählweise: Die Autorin schreibt im Präsens in der personalen Perspektive: Ich erlebe das Geschehen im Wechsel durch die Augen von Pina, Teenager Zola, Greisin Inge und Weiteren. Es gibt kein Kapitel aus Leos Sicht. Ich sehe ihn durch die Augen der anderen, die versuchen zu ergründen, wie er die Welt fühlt und ordnet. Auf diese Weise nähere ich mich Leo stückweise (anfangs teile ich die Hilflosigkeit der Hausmitbewohner) und schließe ihn ins Herz. Ich mag die klare Sprache und den schnörkellosen Schreibstil, der dennoch Herzenswärme hat und starke Bilder kreiert. An manchen Stellen entfaltet das Nichtgesagte eine emotionale Wucht. Die Autorin setzt kunstvoll Leerstellen ein, die Raum für Interpretation lassen. Manches kann ich aus Fragmenten zusammenpuzzeln, anderes entzieht sich meiner Kenntnis, wie im wahren Leben. Charaktere und Leseeindrücke: Ich habe mich Pina durchweg nahe gefühlt. Der Einstieg ist eindringlich: Ich begleite Pina durch ihren Alltag, lerne ihre Muttergefühle und die Besonderheiten von Leo kennen. Ich finde es erzählerisch intensiv umgesetzt, wie ich als Leserin Pinas Gedanken und Ohnmachtsgefühle im Krankenhaus mit durcherlebe. Ein zweiter emotionaler Mittelpunkt ist für mich die 86-jährige Inge, die ich gerne beim Wiederfinden von Lebensmut begleite. Bei der 16-jährigen Zola bin ich überrascht, wie aus meinem anfänglichen Befremden große Sympathie wird. Inge, Zola und Leo sind meine Lieblinge in der Story: Erfreulich zu sehen, wie sie über sich hinausgewachsen. Frustriert bin ich hingegen von Wojtek, bei dem ich kaum eine Weiterentwicklung feststellen kann. Themen: Einsamkeit wird in vielfältigen Lebenssituationen spürbar: als pflegende Mutter, als Mensch mit Behinderung, als Jugendliche auf der Suche nach Sinn und Peergroup, als introvertierter und als alter Mensch. Besonders die Gespräche zwischen Inge und Zola enthalten kluge Gedanken über das Jungsein und Altsein. Zudem macht die Autorin mit dem Figurenensemble deutlich, dass unsere Gesellschaft divers ist und jeder Mensch Besonderheiten hat (jenseits einer Unterteilung in neurotypisch und neurodivergent; übrigens sehe ich neben Leo eine weitere Figur, die möglicherweise auf dem Autismus-Spektrum ist). Es kommt darauf an, sich aufeinander einzustellen. Auch Toleranz, Hilfsbereitschaft, Geduld und Nichtaufgeben sind Werte, die zum Tragen kommen. Mein Fazit:Es lohnt sich, einzutauchen in das hoffnungsvolle (Ideal-) Bild von einem liebevollen Zusammenleben, in dem Außenseiter:innen Herzenskontakte und ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft finden. Realismus gepaart mit Utopie (einige Aspekte empfinde ich als idealisiert). Ein lesenswertes Buch, das lange nachhallt.