In ihrem Buch "Nach Santiago wollte ich nie" beschreibt die Journalistin und Kommunikationstrainerin Cornelia Koch ihre abenteuerliche Wanderung nach Santiago de Compostela, die sie während eines Zeitraums von etwas über 5 Monaten durch Deutschland, Frankreich und Spanien führte.
Die in Potsdam lebende Cornelia beschließt nach einer durch den Tod zweier ihr nahestehender Personen ausgelösten Sinn- und Lebenskrise, den Jakobsweg zu gehen. Ihr Arbeitgeber bewilligt ihr ein sechsmonatiges Sabbatical, ihre Freundin Kerstin unterstützt sie tatkräftig bei der Auswahl ihrer Outdoor-Ausrüstung und wird sie die ersten 14 Tage begleiten. Der Plan ist, Cousinen und Freunde zu besuchen und ab Osnabrück auf dem Jakobsweg zu bleiben. Den ersten Pilgerstempel hat sie sich bereits am Vortag in der nahe gelegenen Kirche geholt, und am 29. April 2023 geht es mit einem 9 kg schweren Rucksack los. Gleich der erste Tag ist eine Herausforderung für Cornelia: ihre Knie schmerzen, in der Nacht kommt sie in ihrem Zelt kaum zur Ruhe, weil sie friert. Doch sie beißt die Zähne zusammen, denkt nicht ans Aufgeben. Ihr Körper gewöhnt sich langsam an die Strapazen. In Hameln trennen sich die Wege der beiden Frauen, Cornelia geht nun allein weiter. Nach 7 Wochen und Besuchen bei Verwandten und Freunden lässt sie Deutschland hinter sich. Nun ist sie keine Wanderin mehr, nun ist sie Pilgerin. In Frankreich wird sie 1600 km auf dem Jakobsweg unterwegs sein, ehe sie am 6. September spanischen Boden betritt.
Das Buch ist in schöner Sprache mit viel Wärme und feinem Humor geschrieben, es hat mich begeistert, gefesselt und fasziniert. Die Autorin beschreibt ihre herausfordernde und nicht immer ungefährliche Pilgerreise so spannend und lebhaft, dass ich oft das Gefühl hatte, dabei zu sein. Sie legt in gut 5 Monaten insgesamt 3348 Kilometer zurück, bei teils extremen Temperaturen, bei Regen und Wind. Manchmal hat sie nicht genügend Wasser, oft ist sie hungrig oder sucht verzweifelt einen Platz zum Schlafen. Immer wieder stößt sie an ihre physischen und psychischen Grenzen. Gespräche mit anderen Pilgern sowie das Treffen mit ihrem Sohn Frederic in Frankreich geben ihr Kraft.
Auf ihrer Wanderung reflektiert Cornelia ihr Leben und lässt uns dabei tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt blicken. Offen schildert sie die Strapazen der Reise und berichtet von ihren Besichtigungen historischer Stätten und zahlreichen inspirierenden Begegnungen. Sie findet Unterkünfte in Pilgerherbergen, privaten Haushalten, Klöstern und kleinen Pensionen. Während ihrer Pilgerreise hat sie viel Zeit zum Nachdenken. Sie hat den Tod ihrer Schwester und den ihrer besten Freundin noch nicht verarbeitet, eine gescheiterte Liebesbeziehung belastet und beschäftigt sie immer noch. Außerdem will sie sich über ihre berufliche Zukunft klar werden. Sie hat viele Fragen, und im Laufe ihrer Reise findet sie Antworten.
Ich habe Cornelias Mut und Ausdauer bewundert, mit denen sie die einzelnen Etappen und auftretende Probleme bewältigt hat. Als sie am 5. Oktober ihr Ziel erreicht und an der Kathedrale von Santiago de Compostela ankommt, habe ich mich mit ihr gefreut.
In der Mitte der sehr schön und hochwertig gestalteten Paperbackausgabe finden wir auf 8 Seiten zahlreiche Farbfotos, die einige Stationen von Cornelias Pilgerreise dokumentieren. Die eingezeichneten Karten fand ich sehr hilfreich, sie ermöglichten es mir, die Route genau zu verfolgen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Autorin im Altenberger Dom war und anschließend die Kirche meines Wohnviertels besichtigt hat, die nach einem Entwurf des bekannten Architekten Gottfried Böhm errichtet wurde.
Es hat mir sehr viel Freude bereitet, Cornelia auf ihrer spannenden Wanderung zu begleiten, und ich kann mir vorstellen, dass ihr unterhaltsamer und interessanter Bericht viele Menschen dazu motivieren wird, den Jakobsweg zu gehen.
Absolute Leseempfehlung für dieses großartige Buch einer starken Frau, die über Grenzen geht!