Schwere Themen spannend erzählt.
Die Leiche eines Jugendlichen wird im Meer gefunden. Niemand weiß, ob es ein Unfall, ein Suizid oder Mord war. Der leitende Ermittler Mats Bergholm tut sein bestes, um die letzten Tage und Stunden des Jungen zu ermitteln. Ihm zur Seite steht die Journalistin Eevi Manners, die nicht nur mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch zu kämpfen hat, sondern auch gleich mehrere Storys für die Lokalzeitung jonglieren muss.Wer wollte den jungen Jonas tot sehen und warum?Einen Finnen-Krimi hatte ich noch nie gelesen. Und, ich gebe zu, ich bin ein Opfer des Farbschnitts geworden. Denn dieser Farbschnitt ist einfach nur wunderschön und ich musste dieses Buch einfach haben. Ich wurde auch vom Inhalt nicht enttäuscht - oder nicht sehr.Als jemand, die nie einen wirklichen Kinderwunsch entwickelt hat, fällt es mir zugegeben schwer, mich in Eevi hineinzuversetzen. Im Gegenteil war ich von ihren ewigen Gedanken darum, warum sie nicht schwanger wird, an einer Stelle genervt und gelangweilt. Mich interessierten mehr die Recherchen und Ermittlungen.Mats und Eevi verbindet etwas. Vor mehr als zwanzig Jahren, in ihrer Jugend, waren sie ein Paar. Es wird nicht geklärt, warum sie sich getrennt haben damals, vielleicht wird dies in einem späteren Roman Thema, doch die beiden sind gemeinsam aufgewachsen in der kleinen finnischen Stadt Kristinestad. Sie begegnen sich freundschaftlich, ja, im Verlauf des Romans wird klar, dass beide noch Gefühle füreinander hegen, auch wenn sie mittlerweile in anderen Beziehungen stecken. Mats ist verheiratet und hat einen Sohn, Eevi ist mit einem Künstler zusammen.Der Tod des Jungen überschattet die kleine Stadt und spaltet sie, nachdem ein Video im Internet auftaucht. In diesem wird gezeigt, wie Jonas ein Mädchen vor seinem Tod vergewaltigt. Die Stadt ist gespalten. War Jonas nun ein Vergewaltiger oder einfach nur ein Außenseiter.Im Verlauf der Ermittlungen kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass Jonas eigentlich ein Opfer war - ein Opfer von Mobbing, online wie auch im realen Leben. Seine Leiche zeigt Zeichen von Misshandlungen, die meisten älter, doch ein paar sind frisch und ihm kurz vor seinem Tod zugefügt worden.Mobbing ist ein Thema, bei dem ich immer wieder gern auf die Barrikaden gehe. Wie ich bereits mehrfach betonte, ich war in meiner Schulzeit selbst Opfer von massiven Mobbing, was einer der Hauptgründe dafür ist, dass ich seit Jahren in psychiatrischer Behandlung bin. Zum Glück wurde ich kaum körperlich angegangen wie Jonas in diesem Roman, oder vielleicht hatte ich auch Pech. Körperliche Wunden heilen, seelische dagegen bleiben und bluten noch mehr als dreißig Jahre später.Für einen Erstling ist dieser Roman sehr mutig, sich an solche Themen wie Mobbing und Misshandlungen heranzutrauen. Hier mein Kniefall für Tuokko. Sie hat das ganze ausgezeichnet gelöst, wenn mir persönlich die letztendliche Auflösung des Falles zu plötzlich kam. Kommissar Zufall durfte einmal mehr einen großen Auftritt hinlegen. Dennoch fand ich die Wahl dieser Thematiken sehr gewagt.Die Figuren sind lebendig und durchdacht. Das Setting atemberaubend. Ich fühlte mich, als könnte ich diese Häuser wirklich vor meinem geistigen Auge sehen, die Natur, die Klippen, das Meer. Tuokko setzte diesen Roman (und die noch kommenden) in der Heimat ihrer Jugend an, eine kleine Stadt, in der sie offensichtlich jeden Stein kennt - und als Leser fühlt man sich am Ende, als würde man das auch.Alles in allem ein gelungener und spannender Erstling, der sich mit ernsten Themen beschäftigt. Lebendige Figuren und ein wundervolles Setting. Was will man als Krimileser mehr?