Feinfühlig und stellenweise poetisch, aber zu erklärend erzählt. Mir fehlte Raum für eigene Interpretationen und echtes Mitfühlen.
"Vom Mond aus betrachtet, spielt das alles keine Rolle" von Anne Freytag begleitet Sally durch ihr Leben während der Corona-Pandemie. Sally lebt mit ihren drei Geschwistern zusammen bei ihrer Mutter Marianne. Nachdem ihr Freund Felix Schluss gemacht hat und ihre beste Freundin Pia weggezogen ist, fühlt sich Sally einsam und ist geplagt von Selbstzweifeln. Dann zieht auch noch Leni ein, durch die Sally sich an all ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten erinnert fühlt. Dennoch entwickelt sich zwischen Sally und Leni etwas, womit keine von beiden gerechnet hätte.Der Roman ist zwar offiziell ein Jugendroman, wird aber als All-Age-Story vermarktet. Ich frage mich, ob sich das Buch damit einen Gefallen tut. Anne Freytag schreibt sehr feinfühlig über Gefühle und zwischenmenschliche Konflikte. Viele ihrer Alltagsbeobachtungen sind klug und stellenweise poetisch formuliert. Gleichzeitig neigt der Roman jedoch dazu, diese Beobachtungen ausführlich einzuordnen und zu erklären. Sally interpretiert ihre Gefühle immer wieder mithilfe eines Psychologie-Podcasts, Leni fragt sich regelmäßig, was ihre Therapeutin zu einer Situation sagen würde. Dadurch wirkt die Erzählung stellenweise etwas küchenpsychologisch und lässt den Leser:innen nur wenig Raum, die Figuren und ihre Emotionen selbst zu deuten. Selbst am Ende werden zentrale Aussagen der Geschichte über mehrere Seiten hinweg erläutert; eine Denkleistung, die ich als Leserin lieber selbst übernommen hätte.Während ich mit Sally anfangs noch mitfühlen konnte, hat es mich im Verlauf zunehmend frustriert, wie sehr sie immer wieder um dieselben Gedanken kreist. Ich erwarte keine rasante Charakterentwicklung, doch die ständigen Gedankenschleifen wirkten auf mich irgendwann ermüdend. Sallys Mutter fand ich zunächst interessant und ungewöhnlich, weil sie (teilweise) progressiv, eigenwillig und meinungsstark ist. Mit zunehmender Konfliktlage erschien ihre Darstellung jedoch immer überzeichneter und dadurch etwas unglaubwürdig. Am authentischsten wirkte auf mich letztlich Leni.Auch der Liebesgeschichte zwischen Sally und Leni fehlte leider die emotionale Nahbarkeit. Ich hatte das Gefühl, dass mir erzählt wird, wie sie sich ineinander verlieben, ohne dass ich diesen Prozess emotional miterleben konnte. Gerade hier hätte dem Roman etwas mehr "Show, don't tell" gutgetan. Schade, denn der atmosphärische und stellenweise poetische Schreibstil hätte eigentlich das Potenzial gehabt, diese Gefühle unmittelbar erfahrbar zu machen.Vielleicht ist dieser Erzählstil tatsächlich eher auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten. Nicht nur Emotionen, sondern auch politische Themen wie Feminismus oder Nachhaltigkeit werden immer wieder ausdrücklich eingeordnet. Das mag für viele Leser:innen hilfreich sein, meinen Geschmack hat es jedoch nicht getroffen. Ich hätte mir mehr Vertrauen in die Leserschaft gewünscht und etwas mehr Raum, die Figuren, ihre Gefühle und die Themen des Romans selbst zu entdecken.