
Ausgezeichnet mit dem Premio Strega 2025 und dem Premio Strega Giovani 2025.
Zehn Jahre ist es her, dass der Sohn seine Eltern zum letzten Mal gesehen hat. Seither hat er seine Telefonnummer gewechselt, die Stadt verlassen, eine unüberwindbare Mauer errichtet, um der schmerzhaften Familiengeschichte zu entkommen. Es waren die zehn besten Jahre seines Lebens. Mit unerbittlicher Präzision erzählt er von seinen Eltern, zeichnet das ergreifende Porträt seiner Mutter, die ihr eigenes Leben aufgegeben hat, um den Ansprüchen des tyrannischen Vaters gerecht zu werden. Stückweise nähert sich der Sohn der Frau an, deren Persönlichkeit hinter ihren Rollen als Ehefrau, Hausfrau und sorgender Mutter verschwindet. Wer war seine Mutter vor diesem Leben, der Ehe mit dem dominanten Vater, von dessen beherrschendem Bild sie sich nur schwer lösen lässt?
»Der Jahrestag« ist ein radikaler Befreiungsroman und eine eindringliche Ergründung der wahrscheinlich prägendsten Verbindung im Leben: der Beziehung zu den eigenen Eltern.
»Ein erschütterndes, wichtiges Buch. Eine scharfsinnige Analyse und zugleich ein tragischer Abschied von der eigenen Familie. « Jenny Erpenbeck
»Einer der besten zeitgenössischen italienischen Autoren. « Jhumpa Lahiri
»Kannst du dich von deinen Eltern befreien? Von dem Leid, das sie dir angetan haben? Das ist eine skandalöse Frage. Andrea Bajani stellt sich dieser Frage schreibend, in einem Buch, das skandalös ruhig ist. « Emmanuel Carrère
»Bajani ist ein außergewöhnlicher und kompromissloser Künstler. Jede Seite ist mit Klarheit, Tiefe, Aufrichtigkeit und sezierender Intelligenz geschrieben. « Katie Kitamura
»Mit einer ebenso unerbittlichen wie raffinierten Stimme legt Andrea Bajani eine Mine unter das Bild einer Familie. Und er lässt sie explodieren in seinem wahrhaftigsten Buch. « Donatella Di Pietrantonio
Besprechung vom 06.06.2026
Wie viele Kilometer muss ich weg?
Kontaktabbruch als Rettungsplan für einen desillusionierten Sohn: Andrea Bajanis in Italien preisgekrönter Roman "Der Jahrestag"
Der Kontaktabbruch mit den eigenen Eltern gehört zu den vielleicht letzten gesellschaftlichen Tabus. Denn während streitende oder zerrüttete Familien längst kein Skandal mehr sind, gilt der vollständige Rückzug nach wie vor als drastische, als allerletzte Maßnahme. In dieser Hinsicht beginnt der italienische Autor Andrea Bajani seinen Roman "Der Jahrestag" mit einem Paukenschlag: Da besucht der Ich-Erzähler seine Eltern, so wie er es in den Jahren seit seinem Auszug von Zuhause immer wieder regelmäßig getan hat. Nichts Außergewöhnliches fällt vor, dennoch wird das gemeinsame Mittagessen das letzte sein: "An jenem Tag vor zehn Jahren habe ich meine Eltern zum letzten Mal gesehen. Seitdem habe ich die Telefonnummer, die Wohnung, den Erdteil gewechselt und eine unüberwindliche Mauer errichtet, habe einen Ozean zwischen uns gelegt. Es waren die zehn besten Jahre meines Lebens."
Wer nun glaubt, auf den folgenden rund 170 Seiten die Geschichte dieser Jahre zu lesen, irrt. Vielmehr ist der Roman eine Rekapitulation dessen, was zum Kontaktabbruch geführt hat: einer klaustrophobischen Familienhölle, geprägt durch einen tyrannischen Vater und eine apathische Mutter.
Andrea Bajani, 1975 in Rom geboren, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Italiens und gewann mit "Der Jahrestag" 2025 den Premio Strega, den wichtigsten Literaturpreis des Landes. Der Roman ist eine - partielle - Schilderung des familiären Alltags und ein - unvollständiges - Porträt der Eltern, vor allem der Mutter. Partiell deshalb, weil vor allem die Abgründe geschildert werden, obwohl es, wie Bajani an einer Stelle schreibt, offenbar auch Schönes gab: unbeschwerte Normalität, Zartheit, Wärme. Davon ist aber nie die Rede, nur von Psychoterror und häuslicher Gewalt.
Die Mutter ist schon beinahe ihr ganzes Leben Opfer und gleichzeitig Anhängsel des Vaters, in gewisser Weise auch dessen Komplizin, weil sie sich nie auf die Seite der Kinder stellt. Um sie erzählerisch vom Vater zu lösen, brauche es, schreibt Bajani, "Langsamkeit und Präzision, ein grammatikalisches Skalpell". Dennoch bleibt die Mutter bis zum Schluss des Romans ein Rätsel, eine kühle, unnahbare Person. Sie habe keine Angst vor dem Vater, heißt es einmal, dennoch putzt sie sich mit dem Wasser der Toilettenspülung die Zähne - weil der Vater das Wasser vor dem Urlaub abgedreht hat und sie ihn nicht bitten möchte, es noch einmal aufzudrehen. Was, wenn nicht Angst, könnte sie sonst antreiben? Das Verhalten des Vaters, sagt der Ich-Erzähler an anderer Stelle, sei hingegen Ausdruck "einer komplexen Psyche und eines verleugneten faschistischen Erbes". Ein großes Thema, das nur hier kurz aufgemacht wird, für den Rest des Romans aber keine Rolle mehr spielt.
Man könnte diese Andeutungen nun als bewusste suggestive Auslassungen verstehen - oft sind es gerade Leerstellen, die einen Text interessant macht. Hier entsteht jedoch ein anderer Eindruck: Dass der Autor sich für seine Figuren nicht genug interessiert. Dafür umso mehr für sich selbst: An manchen Passagen hat man den Eindruck, Bajani habe größere Freude an literarischen Spielen als an der Geschichte, die er erzählen möchte. Nur sind diese Spiele nicht sonderlich raffiniert. Gleich zu Anfang heißt es: "Ob es geschehen ist oder nicht, spielt jetzt keine Rolle, es ist der Beginn des Romans." Eine unnötige Feststellung, denn für welchen Roman gilt das nicht? Der Autor möchte uns also ins Grübeln bringen: Ist es vielleicht doch relevant, ob das, was hier erzählt wird, wahr ist? Ist es gar seine eigene Geschichte, die er hier aufschreibt? Einige biographische Eckdaten stimmen überein. Doch welchen Unterschied macht das aus?
Immer wieder ist das Buch unnötig geheimniskrämerisch. So heißt es einmal: "Dort wohnte eine Frau, über die ich nur zur Vereinfachung sagen könnte, dass sie sich mit Psychotherapie beschäftigte." Der Protagonist geht, kurz gesagt, in Therapie. Wenige Seiten später wird das genauso benannt. Warum also die raunende Umschreibung?
Vielleicht liegt es an diesen Spielen, dass einen die Geschichte, obwohl sie solch grausige Dinge verhandelt und den Kern unserer Gesellschaft, die Familie, seziert, oft seltsam kalt lässt. Erst zum Ende hin wird der Roman wieder interessant, stellt Fragen: "Kann man die eigenen Eltern verlassen? Oder besser gesagt, kann man sich ihnen entziehen, indem man einfach seinen Körper mit einer klaren, endgültigen Geste entfernt?" Der Ich-Erzähler schreibt von Begegnungen mit anderen Menschen, die Italien, wie er selbst, verlassen haben: "Ob sie polnische Keramik nach Berlin importierten oder in Rotterdam Gebäude planten, irgendwann tauchte im Gespräch immer der tiefere Motor der wohlhabenden Migranten auf: weit weg zu sein von der eigenen Familie."
So wird der Text von einem Familien-, zu einem Gesellschaftsroman, die individuelle Geschichte auf eine allgemeinere Ebene gehoben. Und die ist, gerade in einem Land, das der Familie einen so hohen Stellenwert einräumt, durchaus brisant. Junge Menschen, die Italien nicht aus ökonomischen Gründen, sondern aus Flucht vor familiärem und gesellschaftlichem Druck verlassen - auch daraus hätte ein Roman werden können. Es ist jedoch nur ansatzweise der, den Andrea Bajani geschrieben hat. ANNA VOLLMER
Andrea Bajani: "Der Jahrestag". Roman.
Nagel und Kimche, Zürich 2025. 176 S., geb.
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