Gleich vorweg, dieses Buch ist nicht einfach zu lesen. Das liegt vor allem daran, weil es sich mit einem Thema beschäftigt, das gerne tot geschwiegen wird: Dem Völkermord in Deutsch Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Erst 2021 (!) hat Deutschland den Völkermord an den OvaHerero anerkannt und sich offiziell entschuldigt. Die deutsche Kolonialvergangenheit nach wie vor nicht wirklich aufgearbeitet.
Doch zurück zu den Anfängen:
Spät aber doch, ist das Deutsche Kaiserreich 1884 auf den längst abgefahrenen Zug des Kolonialismus aufgesprungen. Dass das Land von nomadisch lebenden Stämmen bewohnt wird, ist den Deutschen egal. Wie aus diversen Unterlagen hervorgeht, ist Bismarck keineswegs ein glühender Verfechter des Kolonialismus und hat sich sehr lange dagegen ausgesprochen, unter anderem deswegen, weil Kolonien kaum administrierbar wären. Die Kosten/Nutzenrechnung würde nicht aufgehen. Er wird Recht behalten, muss sich aber dem Kaiser, der so manchem Einflüsterer erlegen ist, beugen.
Ursprünglich als Lüderitzsche Besitzung von einem Kaufmann gegründet, wird der Landstrich Deutsch-Südwest zur deutschen Kolonie in Afrika. 1890 unterschreiben die Herero einen Schutzvertrag mit den Deutschen mit weitreichenden Folgen
1904 erheben sich die OvaHerero gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Bei dem Versuch, den erbitterten Widerstand zu brechen, begehen deutsche Truppen den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Später nehmen auch die Nama unter ihrem Anführer Hendrik Witbooi den Kampf gegen die Deutschen auf.
Matthias Häussler betrachtet diesen Kolonialkrieg aus einem historisch-soziologischen Blickwinkel und beschreibt wie es zu dieser Gewalteskalation kommen konnte. Dazu erhält er, neben den bereits bekannten historischen Quellen Zugang zu einer wichtigen Quelle, nämlich dem handschriftlichen »Kriegstagebuch« des berüchtigten Kommandeurs der südwestafrikanischen Schutztruppe Generalleutnant Lothar von Trotha.
Zudem zeigt Häussler sehr eindrucksvoll, dass sich die Gewalt langsam entwickelt hat. Bereits vor 1904 kommt es zu Übergriffen, nicht nur von oben, sondern auch durch weiße Siedler, deren private Sicherheitsdienste, den Schwarzen mit brutaler Gewalt zu begegnen. Es ist die Überheblichkeit der Weißen und deren Gerichtsbarkeit nach Hautfarbe, dass die weitverbreitete Prügelpraxis, die Vergewaltigung von Herero-Frauen durch weiße Männer bis hin zu Mord, kaum oder nur sehr milde geahndet hat, während Schwarze schon der Anschein eines geringen Vergehens die volle Härte des Gesetzes (und darüber hinaus) getroffen hat. An diesem fatalen gewaltsame Umgang hat fast die gesamte Kolonialgesellschaft teil, egal aus welchem Herkunftsland.
Fazit:
Obwohl es schon zahlreiche Bücher zur Geschichte Deutsch Südwestafrika, dem heutigen Namibia gibt, scheint dieses hier bislang noch unbekannte Facetten der unrühmlichen deutschen Kolonialgeschichte sichtbar zu machen. Gerne gebe ich diesem Buch, das nichts für Zwischendurch und Zartbesaitete ist, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.