Kluger Comedy-Roman über Seitenscheitel, verlorene Träume und den inneren Rocker, der plötzlich erwacht.
Ralf Husmann, den viele als Erfinder von "Stromberg" kennen, liefert mit "Nicht mein Tag" ein bemerkenswertes Romandebüt, das mich überraschend berührt hat. Till Reiners ist so einer, der ist wie alle, und hat das bislang für etwas Positives gehalten. Seitenscheitel, Frau, Kind, Job in einer Filiale der Dresdner Bank am Rande des Ruhrgebiets. Sein Leben, so notiert es der Roman ganz nebenbei, ist wie eine Tatort-Folge, ziemlich deutsch, mäßig spannend, und man ahnt nach der Hälfte, wie es ausgeht. Vergessen hat er dabei, dass in ihm einmal ein Rockmusiker steckte, ein Kerl, der Bruce Springsteen hörte und die Welt verändern wollte. Bis eines Tages Nappo in der Bank steht, ein Kleinkrimineller mit Tätowierung, Sporttasche und echter Waffe, dem Till einen Kredit verwehren musste. Der Bankraub wird zur turbulenten Flucht, und Till als Geisel gerät auf einen dreitägigen Roadtrip, der sein Leben komplett aus den Fugen hebt.Was den Roman für mich weit über eine reine Bankraub-Komödie hinaushebt, ist Tills Wandlung. Ralf Husmann zeigt keine glatte Selbstfindungsreise, sondern eine chaotische, ehrliche und tragikomische Erweckung. Till reagiert auf Alkohol, Adrenalin, Erniedrigung und Notwendigkeit, entdeckt Wut, Übermut und eine Stimme, die er sich lange verboten hat. Nappo wiederum kippt in die andere Richtung, wird nachdenklicher, fast bürgerlich und sehnt sich, hinter aller Fassade, nach einem geordneten Leben mit seiner Freundin. Diese gegenseitige Verwandlung im klassischen Buddy-Format ist erzählerisch klug und immer wieder überraschend.Ralf Husmanns großer Trumpf sind die Alltagsbeobachtungen. Man merkt in jeder Zeile das Ohr des Stromberg-Autors für die kleinen deutschen Absurditäten, für Ehe zwischen Praktikabilität und Erschöpfung, für Bank-Jargon, Kindersitz auf dem Beifahrerplatz und die Poesie der Ruhrgebietsperipherie. Bruce Springsteen als leiser Soundtrack im Hintergrund ist der perfekte kulturelle Anker für Tills Wiederauferstehung. Der Humor ist trocken, oft grob, aber selten bloß albern, sondern trägt fast immer eine gesellschaftliche Beobachtung mit sich.Ganz ehrlich muss ich sagen, dass der Roman auch seine Schattenseiten hat. Die Frauenfiguren Miriam und Nadine bleiben deutlich hinter den Männern zurück und wirken eher wie Skizzen. Nappo ist stellenweise sehr klischeehaft gezeichnet, und einige Chauvinismus-Momente aus 2008 lesen sich heute schlicht anstrengend. Wer feine, subtile Ironie sucht, wird sich an der teilweise robusten Ruhrgebiets-Comedy reiben.Trotzdem bleibt ein sehr kluges, deutsches Buch, das zwischen den Zeilen die entscheidende Erwachsenenfrage stellt, ob wir noch die sind, die wir sein wollten. Für Stromberg-Fans absolute Empfehlung, für Freunde intelligenter deutscher Comedy-Literatur mit Herz und Kante ohnehin. Ein wirklich lohnender Roman, ideal für ein Wochenende mit anschließender Verfilmung im Doppelpack.