Verstörende Dystopie
Nach einem Virus, der Nutztiere ungenießbar gemacht hat, wird Kannibalismus legalisiert und industrialisiert. Menschen werden gezüchtet, geschlachtet und verarbeitet. Im Mittelpunkt steht Marcos, der in einem Schlachthof arbeitet und täglich mit dieser neuen, grausamen Normalität konfrontiert ist. Eines Tages erhält er ein lebendes "Weibchen" als Geschenk und für Marcos beginnt die Grenze zwischen Ware und Mensch zu verschwimmen.Die Autorin schreibt schonungslos, nüchtern, distanziert und gleichzeitig unglaublich eindringlich. Viele Szenen sind schwer auszuhalten, weil sie den Menschen konsequent als Ware beschreibt. Beschönigende Begriffe wie "Produkt", "Zucht" und "Schlachtung" lassen das Grauen beinahe alltäglich erscheinen und genau das macht es so verstörend.Doch die eigentliche Botschaft dieser Dystopie ist für mich nicht der Kannibalismus. Es geht um uns Menschen und darum, wie wir andere Lebewesen kategorisieren, ausbeuten und ihr Leiden ausblenden, da wir sie nicht als Individuen wahrnehmen. Ob Tiere in der industriellen Massentierhaltung und in Schlachthöfen oder - wie in diesem Buch - Menschen: Wir sprechen ihnen ihre Würde ab, weil sie für uns zur Ware werden.Bazterrica hält uns mit ihrem Buch einen unangenehmen Spiegel vor und zwingt uns, über Fleischkonsum, industrielle Tierhaltung, Macht und die Frage nach dem Wert eines Lebens nachzudenken. Und man darf dabei nie vergessen, dass vieles von dem, was in diesem Buch beschrieben wird, für jene Tiere, die wir als "Nutztiere" bezeichnen, jeden Tag Realität ist. Wäre ich nicht schon seit langer Zeit Veganerin, ich wäre es spätestens nach diesem Buch.Das Ende der Geschichte war für mich absolut überraschend und hat mich verstört zurückgelassen.Mein Fazit: "Zart ist das Fleisch" ist kein Buch, das man einfach wegliest. Es verstört, provoziert und bleibt im Kopf. Eine beklemmende, radikale und gesellschaftskritische Dystopie, die einen noch lange nach der letzten Seite beschäftigt.